Progressivität ist ein Gewinn für uns alle. Würde sich die Welt nicht permanent verändern, würden wir uns immer noch in der Steinzeit befinden. Darauf hoffen, dass wir am nächsten Tag etwas zu essen finden, nicht von den Zahnschmerzen verrückt werden und an der Blinddarmentzündung sterben. In einer Höhle. Klingt gar nicht so verlockend, oder?

Warum ich das hier aufschreibe? Ganz einfach. Gerade in den letzten Monaten lese und höre ich immer wieder Sätze wie „Früher gab es wenigstens noch richtige Musik“, „Damals wusste man noch, wie man gutes Essen kocht“ oder „Vor zehn Jahren war hier noch alles besser.“ Ich frage mich ganz einfach, woher es kommt, dass wir dazu tendieren, uns an der Vergangenheit festzuhalten.

Früher war nicht alles besser

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Modernes zulassen.

Ich selbst nehme mich dabei nicht aus. Ganz im Gegenteil. Wenn es um Partys in den 90ern und Anfang der 2000er, Mode und die Überfüllung diverser touristischer Ziele geht, spiele ich unter den Nörglern definitiv ganz vorne mit. Und ich muss sagen: Ich schäme mich dafür und habe mich ganz bewusst dazu entschieden, genauer darüber nachzudenken und das im besten Fall ganz sein zu lassen. Es bringt nämlich nichts und bremst mich obendrein selbst aus. Es schränkt mich in meiner Kreativität und Neugierde ein und kann mich auf Dauer zu einer engstirnigen Spießerin machen – was ich auf keinen Fall sein möchte. Geht es Euch auch so? Erkennt Ihr Euch ein bisschen wieder?

Das Thema ist nicht neu. Es gibt komplette Bücherreihen, die sich mit der Angst vor Veränderung auseinandersetzen. Doch auch, wenn wir alles verinnerlichen, was uns dazu bringt, dass wir eine ablehnende Haltung gegenüber Neuerungen einnehmen und alle Tipps beherzigen, gibt es immer noch ein paar Dinge, die wir nicht annehmen wollen – oder dauert das nur seine Zeit? War das nicht auch mit Mobiltelefonen so? Elektronischer Musik? Netflix? E-Book-Readern? Musik im Internet? An dieser Stelle muss ich einfach mein liebstes Schopenhauer-Zitat einfügen.

„Jedes Ding erscheint zuerst lächerlich, dann wird es bekämpft, schließlich ist es selbstverständlich.“

Hm, stimmt eigentlich, oder? Wir lehnen also vielleicht gar nicht alles kategorisch ab, was neu ist, wir brauchen nur unsere Zeit, bis wir uns daran gewöhnt haben und die verbringen wir eben gerne mit Nörgeln. Es steht im Endeffekt also gar nicht so schlimm um uns. Wir sollten uns nur mehr Mühe geben. Finde ich. Oder, was meint Ihr?

Veränderungen können uns das Leben retten

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Neues ist nicht gleich schlecht.

Es gibt durchaus ein paar Dinge, bei denen wir uns dringend beeilen sollten, von unserem hohen Ross runterzukommen. Klimaschutz zum Beispiel. Youtuber Rezo1 hat recht. Es stimmt, dass eine Erderwärmung von einem Grad verdammt viel ist. Wenn wir so weitermachen, war es das bald mit uns. Mit samt unseren Legebatterien, Plastik-Wegwerfwindeln, Spraydosen, SUVs, Atomkraftwerken, Kohlemeilern und Tagebauen. Dann hilft es auch nicht mehr, wenn wir auf der Bewertungsseite des Nagelstudios schreiben, dass die Frau die früher unsere Gelnägel aufgeklebt hat, sorgfältiger vorgegangen ist.

Dabei wird klar, dass es durchaus positive und negative Veränderungen gibt. Der Klimawandel ist definitiv eine der ganz negativen. Und sie wird durch die durch unseren Starrsinn verursachten Veränderungen ausgelöst – immer mehr Klimagase durch immer mehr Massentierhaltung, Flugverkehr, große Dieselautos, Kohlekraftwerke und so weiter und so weiter. Mai von MaiLab2 formuliert das in ihrer wissenschaftlichen Betrachtung des Reza Videos so:

„Die Evolution kommt nicht mehr mit bei den vielen drastischen Veränderungen auf dem Planeten. Wir befinden uns jetzt schon im kritischen Bereich und nur mit einer krassen Umstellung ist die Schadensbegrenzung noch machbar.“

Es ist also wichtig, dass sich die Menschheit nicht nur auf Veränderungen einlässt, sondern sich aktiv nach ihnen auf die Suche macht und laut nach ihnen verlangt, wenn wir die Erde noch retten wollen. Punkt, aus.

Aus Mais Video möchte ich auch Eckard von Hirschhausen, Mediziner und Comedian zitieren.

Warum fällt es uns Menschen so schwer, nach unserer Vernunft zu handeln? Weil wir emotional wie Kleinkinder an dem festhalten, was wir im Moment haben und nicht sehen, was wir in Zukunft gewinnen oder verlieren können. Kurioserweise verhalten sich gerade Jugendliche, wenn sie für Fridays For Future auf die Straße gehen, viel erwachsener, als viele Erwachsene.“

Mich persönlich stimmt dieser Satz sehr nachdenklich. Warum sollten wir nicht einfach mal auf eine neue Generation hören? Ihre Ideen und Wünsche ernst zu nehmen könnte uns buchstäblich den Kragen retten. Es geht hier nicht um Musik aus der Konserve oder Handys an Halsketten. Es geht um unser Überleben.

Nico Semsrott (Die Partei) hat recht, wenn er sagt

„Freude ist nur ein Mangel an Informationen.“

Politiker erfreuen sich an ihren dicken Dieselautos und den vorhandenen Arbeitsplätzen im Kohletagebau. Ja genau. Dann müssen sei sich keine Gedanken um die flächendeckende Ausbreitung zukunftsweisender Innovationen machen und können sich weiter mit den Lobbyisten im Kreis drehen. Während die Klimaerwärmung langsam aber stetig in Richtung nicht mehr aufhaltbar steigt. Sie müssen sich nicht informieren. Und die nächste Generation kann ja dann die Trümmer aufräumen. Nein Leute, so nicht! Veränderung ist wichtig. Lebenswichtig sogar.

Wir sollten uns mit Neuerungen auseinandersetzen

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Eigentlich ganz gut, dass Computer weiterentwickelt wurden, oder?

Was hier als drastisches Beispiel genannt wird, gilt nicht nur für Politiker*innen – wenn uns etwas nicht gefällt, sollten wir uns besser informieren. Meistens sind Neuerungen schon längst nicht mehr so bedrohlich, wenn man sich einmal damit auseinandergesetzt hat. Oder wie viele Menschen kennt Ihr, die früher Handys verteufelt haben und heute ihr mobiles Tor zur Welt gar nicht mehr aus der Hand legen wollen?

Vegane Ernährung bzw. veganes Leben ist ja auch so ein Ding. Die meisten Veganer*innen haben irgendwann in ihrem Leben mal sowas gesagt wie „Vegetarisch, das geht ja noch. Aber vegan? Das kann ich mir auf gar keinen Fall vorstellen“ Und heute? Dürfen sie sich denselben Satz anhören. Immer und immer wieder. Von den verschiedensten Menschen. Vorgetragen im Brustton der Überzeugung. Der*die ein oder andere dieser Überzeugungstäter*innen wird ganz sicher früher oder später zu einem*r Überzeugungstäter*in. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Selbstfahrende Autos, Neubausiedlungen, Elektromotoren – das alles jagt vielen erstmal einen Schrecken ein. Aber Neuerungen bedeuten nicht nur Gentrifizierungswahnsinn, bösartige Roboter, die uns unsere Menschlichkeit rauben wollen und Stromschläge. Sie bedeuten auch, dass wir intelligenter werden und uns weiterentwickeln. Dass wir es schaffen, umweltfreundlichere Lösungen zu finden und uns die Arbeit zu erleichtern.

Es ist völlig OK, wenn Hipster Buffalos tragen

Stichwort Mode: Wisst Ihr, was mir alles durch den Kopf gegangen ist, als ich das erste Hipstermädchen mit Buffalo Towers gesehen habe? Ich sage mal so: Ich werde es hier nicht hinschreiben. Was soll ich sagen: Ich finde es immer noch schlimm. Genau, wie unsere zeltartigen Raverhosen plus Bauchkettchen und Teddyjäckchen damals. Ich vermute, die kommen als Nächstes wieder aus der Versenkung. Allerdings denke ich mir inzwischen: Lass sie doch machen! Als damals Plateauschuhe und Schlaghosen wieder in Mode kamen, fand meine Mutter das zunächst auch gewöhnungsbedürftig. Ich kann mich aber auch daran erinnern, dass sie irgendwann sowas zu mir gesagt hat wie:

„Es ist schön, dass Ihr die Sachen, die wir damals getragen haben, auch wieder anzieht. Das erinnert mich an eine wunderbare Zeit und ich hoffe, dass Ihr die heute auch habt.“

Damit ist doch eigentlich alles gesagt, oder?

Musik entwickelt sich fortwährend weiter

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Forschung und Fortschritt bringen uns weiter.

Musik befindet sich permanent im Fluss, sie verändert sich ständig weiter. Es ist ganz natürlich, dass da auch mal was dabei sein muss, das einem persönlich nicht so gut gefällt, meist führt aber auch das wieder zu etwas Neuem und ist ein Einfluss für die nächsten Veröffentlichungen und neue Künstler. Immer wieder entstehen neue Zweige, die zu neuen Stilen und Musikrichtungen heranreifen und was gibt es spannenderes, als live dabei zu sein, wenn aus Jungle plötzlich Drum and Base herauswächst oder aus Progressive Rock und technoiden Einflüssen moderner Postrock?

Mit neuen Generationen kommen neue Ideen, neue Innovationen, neue Kreativität, neue Fehler. Genauso wird alter Kram wieder aus der Versenkung geholt, neu überarbeitet, optimiert und wieder ins Rampenlicht gehoben. Das nennt man Evolution und gegen sie sollte man sich nicht sträuben. Auch, wenn es sich im ersten Moment komisch anfühlt. Man kann es auch erstmal auf sich wirken lassen und wenn es wirklich blöd ist, kann man immer noch motzen. Man sollte anderen Menschen allerdings auch die Chance geben, sich auszuprobieren. Das haben wir schließlich früher auch gemacht. Klinge ich altklug? Perfekt, das war mein Ziel.

New Work und Vernetzung bringt uns weiter

Was ist dagegen einzuwenden, dass Menschen von zu Hause aus 30 Stunden pro Woche arbeiten und sich Paare abwechselnd um Ihre gemeinsamen Babys kümmern? Inzwischen setzen sich New Work und Elternzeit immer mehr durch, noch vor ein paar Jahren hat es eine Menge Geschrei deswegen gegeben. Innovation – man muss sich nur damit beschäftigen. Plötzlich ist es das Normalste auf der Welt.

Neue Formen der Gemeinschaft und des Zusammenlebens wie integrative Wohngruppen, Mehrgenerationenhaushalte und moderne Apps wie nebenan.de3 bringen Menschen aller Generationen, Formen und Farben zusammen und das macht mich sehr glücklich. Vernetzung bringt uns weiter und bewahrt uns vor Stillstand und Vereinsamung.

„Veränderung ist geil“,

so steht es auch im Editorial der neuesten Missy Magazine4 Ausgabe. Da geht es zwar um den Trend zum Make-over mit Serien wie „Queer Eye“ der Japanischen Aufräumkünstlerin Marie Kondo – das gilt aber auch für alle anderen Lebensbereiche, finde ich.

Mit neuen Einwanderern kommen neue Kulturen, die wiederum ihre Erfahrungen, Traditionen, Küche, Musik und Ideen mitbringen. Für uns alle ist das ein wahnsinnig großer Gewinn, der uns auf dem Weg zu neuen Innovationen, die unser Leben bereichern, ein großes Stück weiterbringen kann.

Veränderungen sind etwas Gutes und wir sollten sie zulassen und achtsam und rücksichtsvoll miteinander umgehen. Nur das lässt uns stärker, schlauer, intelligenter, kreativer, sicherer, gesünder, sozialer und nicht zuletzt glücklicher werden.