„Handeln statt hoffen“ heißt das Buch der Menschenrechts- und Umweltaktivistin Carola Rackete. Es ist ein Aufruf an die Menschheit, so schnell wie möglich ihre Gewohnheiten zu ändern, um die Klimakatastrophe zu bremsen. Ich habe es gelesen.

Die Kapitänin Carola Rackete rettete im Juni 2019 mit der Sea Watch 3 im Mittelmeer 53 Geflüchtete aus Seenot. Nach wochenlangem Warten auf eine Genehmigung widersetzte sie sich am 29. Juni dem Verbot der Behörden und fuhr mit dem Schiff in den Hafen der Insel Lampedusa ein. Anschließend wurde sie unter Hausarrest gesetzt. Dieser wurde von der zuständigen Untersuchungsrichterin nach drei Tagen aufgehoben.

Gemeinsam mit der Schriftstellerin Anne Weiss verfasste Carola Rackete ihren „Aufruf an die letzte Generation“ innerhalb kürzester Zeit. Bereits vier Monate später, am 29. Oktober, erschien das Buch, in dem sie unter anderem das bei dem Einsatz im Mittelmeer erlebte Revue passieren lässt und detailliert auf die Haupt-Fluchtursache der Zukunft eingeht: den fortschreitenden Klimawandel.

„Handeln“ statt hoffen warnt

Das Werk geht unter die Haut. Die studierte Nautikerin und Naturschutz-Managerin Rackete räumt mit verklärten Ansichten auf und spricht aus, was wir jetzt tun müssen:

Handeln statt hoffen„Es ist richtig, auch den eigenen Konsum einzuschränken, also nicht zu viel neue Kleidung zu kaufen, nicht zu fliegen und kein Fleisch zu essen. Aber dort darf es nicht enden. Die ökologische Krise ist ein strukturelles, weltumspannendes, systematisches Problem, das durch individuelle Entscheidungen zur Lebensweise alleine nicht gelöst wird. Privater Konsumverzicht ist ohnehin selbstverständlich, wenn Dir der Ernst der Lage bewusst ist. Er muss einhergehen mit Gemeinschaftsaktionen und politischer Arbeit für den Systemwandel.“ (Seite 149)

Dabei sagt sie ganz klar, wo die Fehler der Politik liegen

„Wir sollten nicht darüber reden, wie viele Jahre wir noch haben, in denen wir wir handeln können, oder wie viel Kohlenstoffdioxid-Budget übrig ist – weil das letztlich nur erlaubt, das Thema weiter noch hinten zu schieben und weil es dann so klingt, als gäbe es irgendeine Garantie dafür, dass 1,5 Grad oder 2 Grad sicher seien und man bis dorthin ein Budget ausrechnen könnte…

…Der Ansatz, man könne noch ein bestimmtes Maß an Emissionen ausstoßen, bedeutet nämlich auch, dass man eine ehrliche Diskussion vor sich herschiebt…(Seite 108 & 109)

Carola Rackete kam 1988 in Preetz zur Welt und wuchs in Hambühren auf. Nach ihrem Abitur studierte sie zunächst Nautik und war auf verschiedenen Schiffen unterwegs. Während ihrer Zeit auf den Forschungsschiffen Polarstern und Meteor entdeckte sie ihre Liebe für den Klimaschutz. Sie schrieb sich an der Edge Hill University in Ormskirk ein, um Naturschutz-Management zu studieren und schloss dort mit dem Master ab.

„Wir müssen das System hinterfragen“

Die Aktivistin ist seit 2016 bei Sea Watch Missionen dabei. 2017 koordinierte sie ihre erste Rettungsmission. 2019 erklärte sie sich bereit, als Ersatz für einen ausgefallenen Kollegen einzuspringen. Der Rest ist Geschichte.

Mit „Handeln statt hoffen“ hat Carola Rackete einen Aufruf veröffentlicht, jetzt innezuhalten und unser Verhalten nicht nur zu überdenken, sondern umgehend drastisch zu ändern. Sie ruft dazu auf, das System in Frage zu stellen, das Gebot der Humanität nicht mehr zu ignorieren und endlich zu handeln. Auf Seite 101 spricht sie uns alle an

„Wirklich etwas zu ändern, erfordert größeren Kraftaufwand, aber wir haben keine Wahl“

Auf Seite 143 geht sie auf jede⋆n von uns persönlich ein

„Wenn Du jung genug bist, um den Klimazusammenbruch mit voller Wucht zu erleben, bist Du aufgefordert, Deine Zukunft zu verteidigen. Wenn Du älter bist, ist dies der Zeitpunkt, um wirklich etwas für nachfolgende Generationen zu tun.

Handeln statt hoffenSie hat bereits in jungen Jahren das ewige Eis schmelzen sehen und war live dabei, als Wissenschaftler⋆innen sprachlos vor den Auswirkungen der Klimakatastrophe standen. Auf Seite 61 beschriebt sie, wie sie gemeinsam mit einem Kollegen das ewige Eis am Nordpol inspizierte.

„‚Das ist einjähriges Eis‘, sagte der Kapitän zu mir. ‚Habe ich noch nie gesehen. Vor 20 Jahren sind wir zusammen mit einem schwedischen Eisbrecher hier gewesen. Das war noch ziemlich schwierig. Jetzt ist kaum noch Eis da.‘ Wir mussten eine halbe Stunde mit dem Helikopter suchen, um ewiges Eis zu finden.“

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Im Anhang des Buchs befinden sich Verweise auf andere Bücher und wissenschaftliche Studien. Darunter unter anderem „Die grüne Lüge: Weltrettung als profitables Geschäftsmodell“ von Kathrin Hartmann, „Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens“ von Naomi Orestes und Eric M. Conway und „Drawdown – der Plan. Wie wir die Erderwärmung umkehren können“ von Paul Hawken sowie viele weitere grundlegende Werke des Umweltschutz-Aktivismus.

Für mich hört das Lesen und Nachforschen an dieser Stelle nicht auf. Besonders die Studie „Deep Adaption“ von Professor Jem Bender von der University of Cambria empfiehlt Rackete in ihrem Buch ganz explizit (Die Arbeit steht online zum Lesen bereit). Sie spricht sogar davon, ihr Leben in „vor dem Lesen von ‚Deep Adaption'“ Und „nach dem Lesen von ‚Deep Adaption‘ einzuteilen. So ähnlich geht es mir mit ihrem Werk auch. Ich finde „Handeln statt hoffen“ ist ein Buch, das wirklich jede⋆r gelesen haben sollte und lege es Euch hiermit ans Herz. Und ich gehe jetzt in den Buchladen und hole mir mein Exemplar von „Drawdown“ ab.