Der Ratgeber „Gelassenheit – Zeit für ein gutes Leben“ ist 2018 in der Reihe „School Of Life“ im Süddeutsche Zeitung Verlag erschienen. Ich habe ihn zu Weihnachten bekommen und bin die letzten paar Tage in die Seiten eingetaucht.

Das klingt doch gut, oder? Mit mehr Gelassenheit ins neue Jahr starten, das wär doch was. Und wenn es dafür ein paar wirksame Tipps gibt: Her damit! Ich muss mich nicht ständig aufregen. Davon bekommt man nur graue Haare und rote Flecken.

Der Titel der Originalausgabe lautet „Calm“, geschrieben hat das Werk von Alain de Botton, veröffentlicht wurde es im Jahr 2016. Alles darin dreht sich darum, Stress zu vermeiden, gelassen zu bleiben, sich vor Wutanfällen zu schützen und sich seinen Emotionen nicht hoffnungslos auszuliefern. Angegangen wurde das nicht etwa mit Atemübungen oder Tipps für hippe Beruhigungstees, sondern mit humorvollen Strategien für Alltagssituationen, Beispielen und echten Argumenten.

Bei der ‚School of Life‘ handelt es sich um ein Bildungsunternehmen, das Ratschläge zu Lebensfragen bieten möchte. Es wurde 2008 von Alain de Botton mitgegründet und hat inzwischen Niederlassungen in London, Antwerpen, Amsterdam, Berlin, Istanbul, Melbourne, Mexiko City, Paris, São Paulo, Sydney, Seoul, Taipeh und Tel Aviv. Hier ein Zitat:

gelassenheit„Die ‚School of Life‘ widmet sich der Entwicklung emotionaler Intelligenz – weil wir überzeugt sind, dass unsere größten Probleme durch fehlende Selbstkenntnis, zu wenig Mitgefühl und den Mangel an Kommunikation entstehen. Wir produzieren Filme, unterrichten, bieten Therapien an und erstellen eine Reihe von Produkten zur Geistesbildung. ‚The School‘ of Life veröffentlicht Bücher zu den wichtigsten Themen unserer Gefühlswelt. Sie sind so konzipiert, dass sie gleichzeitig unterhalten, erziehen, Trost spenden und das Leben verändern.“

Gelassenheit lernen

Gleich auf den ersten Seiten wird klar gestellt: Es sind unsere Erwartungen, die die Dinge so schwierig erscheinen lassen. Das hat mich auf jeden Fall schon mal zum Denken gebracht. Ist ja eigentlich ganz einfach: Wenn ich von jede*m erwarte, dass er/sie versteht, was ich meine, kann es ja nur zu Missverständnissen kommen. Doch wie schafft man es, das im Alltag umzusetzen? Neben dieser Frage klärt „Gelassenheit – Zeit für ein gutes Leben“ unter anderem auch die folgenden:

  • Warum sind wir zu unseren Kollegen nett und streiten uns mit unseren Partnern?
  • Wie kann man es schaffen, verborgene, gute Eigenschaften zu entdecken und sich dadurch weniger über Menschen zu ärgern?
  • Wie findet man Wege zu mehr Gelassenheit?

Das Buch erklärt auf einfühlende Art, warum Pessimismus nicht immer etwas Schlechtes sein muss und warum wir alle auf unsere Art ein bisschen verrückt sind. Sehr charmant fand ich vor allem auch das Kapitel, in dem es darum geht, wie man es schaffen kann, (sich in) Geduld zu üben und warum es dafür besonders wichtig ist, Ärger anzunehmen und unterschiedliche Meinungen zuzulassen.

Goethe auf Reisen

Besonders gut gefallen mir persönlich auch die gekonnt gewählten Beispiele aus der Geschichte, die in „Gelassenheit – Zeit für ein gutes Leben“ immer wieder eingestreut wurden. Eins davon erzählt von Johann Wolfgang von Goethe. Im Mai 1787 befand dieser sich auf einem Schiff, das auf dem Weg nach Sizilien war. Es geriet in eine starke Strömung und lief Gefahr, vor die Klippen gedrückt zu werden.

Die Besatzung hatte ihre liebe Mühe, die Passagiere zu beruhigen. Sie mussten mehr Kraft in diese Aufgabe stecken, als in die Sicherung des Schiffs. Es gelang ihnen schließlich, das Schiff in Sicherheit zu bringen. Es wäre jedoch wesentlich schneller außerhalb der Gefahrenzone gewesen, wenn die Passagiere auf das Können der Besatzung vertraut hätten und gelassen geblieben wären.

gelassenheitEin Kapitel trägt den Namen „Über die Wichtigkeit höflichen Verhaltens“. Darin wird unter anderem auch erklärt, dass es nicht immer toll ist, direkt und unverblümt zu sein, auch wenn das in der heutigen Zeit schwer in Mode zu sein scheint. Auch wenn uns Höflichkeit nicht davor schützt, verletzt zu werden: Sie steht uns allen gut zu Gesicht und wir sollten uns viel häufiger daran erinnern, auf ihre Regeln zurückzugreifen.

Das Große Ganze

Als große Hilfe beim Loslassen von Stress und Unruhe wird der Blick auf das Große Ganze empfohlen. Das kann beispielsweise durch einen Blick in den Nachthimmel, Spaziergänge in der Weite der Natur oder Reisen erreicht werden.  Zitat:

„Ein Kratzer im Lack ist nichts gegen die Größe von Raum und Zeit.“

Dem/der Leser*in wird außerdem ans Herz gelegt, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen. Beschäftigt man sich mit der Kunst des Überlebens, wird man automatisch ruhiger. Der Hinweis, dass es sich bei Umarmungen mehr als nur um physischen Kontakt handelt, sondern dass sie zudem eine beruhigende Wirkung haben können, gibt auch zu denken.

Ob ich aus dem Ratgeber etwas gelernt habe? Ja, dass dafür, dass wir immer sofort andere verdächtigen, unser eigener Selbsthass verantwortlich ist. Außerdem kann es von Vorteil sein, Wohlwollen immer dann entgegenzubringen, wenn wir von anderen enttäuscht werden. Sprich: Sich einfach nicht immer direkt von inneren Impulsen leiten zu lassen und erstmal hinter die Fassade zu schauen, bevor man andere für ihr negatives Verhalten abstempelt.

Technik kann sich nicht entschuldigen

Was ich nicht das erste Mal schwarz auf weiß gelesen habe und mir auch dieses Mal wieder mehr als nur einleuchtet ist, dass es keinen Sinn macht, sich über Technik oder bürokratische Abläufe aufzuregen, denn: Sie können es nicht „wieder gut machen“. Die Lebenszeit, die man mit Wut über Drucker oder Ämter verbringt, sollte man also besser höflichen Menschen spenden. Sie werden sich ganz sicher darüber freuen.

Ein weiterer Punkt: Wir werden wütend auf Menschen, wenn wir denken, dass sie etwas wissen, was sie nicht wissen. Auf deutsch gesagt: Wie sollen die denn in meinen Kopf reinschauen?  Ich bin gespannt, ob ich diese Punkte verinnerlichen werde und dich für mich in Zukunft etwas verändern wird. Das Buch werde ich mit Sicherheit noch häufiger zur Hand nehmen und lege es Euch hiermit ans Herz.

Neben „Gelassenheit – Zeit für ein gutes Leben“ sind in der „School of Life“ Reihe bis jetzt auch noch die Bücher „Kleine Freuden – Großes Glück“, „Traumjob – Von der Berufung zum Beruf“, „Partnerschaft – Keine Frage des Glücks“, „Freundlichkeit – Eine vergessene Tugend“ und „Sex – Sehnsucht und Erfüllung“ erschienen.

„Gelassenheit – Zeit für ein gutes Leben“, Süddeutsche Zeitung Verlag 2018,ISBN 978-3-86497-444-1

gelassenheit