Matthias Oomen - Politiker aus Berlin

Matthias Oomen – Politiker aus Berlin

Matthias Oomen lebt in Berlin-Wilmersdorf zwischen der Pariser Straße und dem Kurfürstendamm. Der aus Ettenheim in Baden-Württemberg stammende Nichtschwabe fühlt sich im Berliner Westen sehr zuhause. 

Ich lernte den Politiker über Twitter kennen, einer seiner Tweets machte dort tagelang die Runde. Mich sprach er besonders an, da er in nicht mal 140 Zeichen genau sagt, wie es ist:

„In Deutschland hat man kein Geld für fair gehandelten Kaffee zu 20 Euro je kg, deshalb kauft man Kapselkaffee zu 80 Euro je kg.“

Matthias ist aktives Mitglied bei Bündnis 90 / Die Grünen und war lange Zeit Bundespressesprecher des Pro Bahn Verbandes. Daneben war er Chefredakteur der verkehrspolitischen Zeitschrift „Der Fahrgast“.

Heute ist er als freier Mitarbeiter für diverse Fachmagazine tätig, unter anderen für das Wirtschaftsmagazin „Privatbahn Magazin“, in dem er einen wesentlichen Blick auf Osteuropa und Russland hat. Seit Januar 2012 ist er Mitglied des Landesvorstandes im Landesverband Mecklenburg-Vorpommern.

Ein Thema, das Matthias Oomen besonders am Herzen liegt, ist die zunehmende Obdachlosigkeit in Berlin. In seinem Blog „Oomen Berlin“ berichtet er darüber und zeigt auf, wie man den Betroffenen helfen kann. Ich habe mich mit Matthias zum Interview verabredet.

Anne: Hallo Matthias! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst! Wie geht es dir heute?

Matthias: Gut! Berlin erwacht in diesen Tagen aus dem Winterschlaf, der Frühling hält Einzug. Die Leute sind wieder fröhlicher, das färbt ab!

„Ich bin ein Nichtschwabe“

Anne: Matthias, aus Ettenheim in Baden-Württhemberg stammend, bezeichnest du dich als „Nichtschwaben“. Warum so vehement?

Matthias: Ettenheim liegt ja nicht in Schwaben, sondern in Südbaden und wenn man uns Badener als Schwaben bezeichnet, ist das in etwa so, als ob man Franken Bayern schimpft. In Berlin passiert mir das ständig, deshalb baue ich schon gleich mal vor.  (lacht)

Berlin - Heimat von Matthias Oomen

Berlin – Heimat von Matthias Oomen

Anne: Du fühlst dich ja in Berlin sehr wohl, bist dort angekommen, es ist deine Heimat. Hat das lange gedauert, bis es dir so ging? Wie lange lebst du schon dort?

Matthias: Also endgültig nach Berlin verschlagen hat es mich 2009. Davor war ich immer wieder, teils monatelange am Stück, an der Spree. Heimisch fühle ich mich in Berlin, seit ich durch die Stadt gehen kann und dort immer wieder zufällig Leute treffe, die ich kenne. Das hat in der Tat so 2 – 3 Jahre gedauert.

Anne: Du betreibst selbst ein Blog „Oomen Berlin“. Wie lange schon? Was sind deine Hauptthemen?

Matthias: Seit letztem Jahr. Ich beschäftige mich im wesentlichen mit Verkehrspolitik. Das Thema ist mir wichtig, denn ohne eine konsequente Verkehrswende klappt auch die Energiewende nicht. Ich vernachlässige derzeit meinen Blog, weil es im Hintergrund wichtige Grundsatzarbeiten gibt. Der Stadtverkehr steht vor großen Umbrüchen. Ich werde ab Mai wieder zum regelmäßigeren Schreiben kommen.

Anne: Was beschäftigt dich am Thema Obdachlosigkeit besonders? Gab es Berührungspunkte?

Matthias: Die gibt es. Ich wohne in Berlin unweit des Kurfürstendamm. Der Olivaer Platz mit seinen internationalen Luxusketten ist genau so ums Eck, wie der Bahnhof Zoo mit der bekannten Problematik. Obdachlosigkeit ist hier jeden Tag, teils Meter für Meter sichtbar. Gleichzeitig sieht man, wie Reichtum im gleichen Rahmen vorhanden ist.

Anne: Wie kommt es dazu, dass es derzeit so viele Obdachlose in deutschen Städten gibt?

„Geld wird zum Nulltarif verliehen“

Matthias: Die Tatsache, dass an den internationalen Kapitalmärkten derzeit Geld quasi zum Nulltarif verliehen wird, sorgt dafür, dass die Immobilienpreise enorm anziehen. Gleichzeitig erwarten Investoren eine angemessene Rendite. Dieses Spannungsdelta wird dadurch verschärft, dass es seit einigen Jahren keinen Sozialen Wohnungsbau gibt. Berlin nimmt eine Sonderrolle ein: Nach dem Berliner Bankenskandal wurde in der Stadt im Prinzip keine aktive Stadtentwicklungspolitik mehr gemacht. Alles passierte hier zufällig und willkürlich. Die Folgen sind explodierende Mieten und ständig steigender Wohnungsmangel. Am Ende verlieren hier die Schwächsten, zumal gerade kleine Wohnungen Mangelware sind. Diese Entwicklung war seit Jahren absehbar, deshalb betreibt meine Partei bereits seit 2010 mietenblog.de!

Anne: Erst kürzlich sah ich einen Beitrag über die Obdachlosigkeit in München. Ein Fernsehteam begleitete eine Woche lang einen obdachlosen Mann in seinem Tagesablauf. In dem Beitrag wurde das Thema organisierte Bettelgruppen ganz stark angesprochen. Der Mann hatte starke Probleme damit, dass er so gut wie keine Spenden mehr von Passanten bekommt, seit organisierte Gruppen in der Stadt unterwegs sind, die zum „professionellen Betteln“ (so wurde das in dem Artikel genannt) losgeschickt werden. Gibt es diese organisierten Gruppen wirklich? Sind sie auch in Berlin ein Problem?

Matthias: Diese Gruppen gibt es. Sie sind auch im Berliner Stadtbild an allen wichtigen Stellen zu sehen, bspw. am Kurfürstendamm oder am Alexanderplatz. Diese Leute sind hochprofessionell und schaffen es erfolgreich, den Ärmsten der Armen noch „Revier“ und ihre Einnahmen streitig zu machen. Diese Gruppen gehen mit grober Gewalt vor, sei es gegen tatsächliche Bedürftige, sei es gegen die eigenen Leute. Letztere werden gezielt verstümmelt und misshandelt, damit die Bettelgeschichte glaubwürdiger klingt. Knochenbrüche und sichtbare Brandverletzungen sind an der Tagesordnung und Mittel zum Zweck. Diese Menschen werden wie Sklaven gehalten. In jeder Hinsicht eine Tragödie.

Anne: Was kann man tun, um Obdachlose zu unterstützen?

„Wir sollten Obdachlose wie Menschen behandeln!“

Matthias: Die Obdachlosen wie Menschen behandeln! Es ist völlig klar, dass man nicht jedem Obdachlosen mit einer Spende helfen kann – sonst kommt man selbst in Probleme. Aber den Leuten gegenüber auch dann freundlich zu sein, wenn sich andere abwenden, kostet nichts – außer vielleicht Überwindung!

Gleichzeitig ist es wichtig, gerade bei frostigen Temperaturen nicht wegzusehen, wenn Menschen im Freien übernachten müssen. Hier droht Lebensgefahr, man sollte unbedingt einen Notruf absetzen.

Obdachlosigkeit ist heute allgegenwärtig

Obdachlosigkeit ist heute allgegenwärtig

In jeder Stadt gibt es diverse Obdachlosenhilfen, wie etwa die Stadtmissionen oder die Bahnhofsmissionen. Diese freuen sich nicht nur über Sachspenden – wie etwa saubere, intakte Kleidung – sondern sind auch Garant dafür, dass Geldspenden sinnvoll eingesetzt werden. Und zwar ohne, dass diese durch Banden abgegriffen oder in Suchtmittel investiert werden.

Anne: Was sollte man nicht tun?

Matthias:  Unfreundlich sein, wegsehen und falsch helfen. Denn letzteres geht tatsächlich:
Beispielsweise durch Kleiderspenden über die im Stadtbild oft zu findenden Kleidercontainer. Die in diesen Containern gespendete Kleidung kommt ausnahmslos nicht den örtlichen Obdachlosen zugute, sondern wird gewerblich – also mit Gewinnabsichten – verwertet. Meistens wird die Kleidung in Entwicklungsländer verschifft, dort unterhalb ihres eigentlichen Wertes verkauft und ist damit dort sogar für die heimische Textilwirtschaft schädlich. Finden sich Wappen und Logos von Hilfsorganisationen auf den Containern, so erhalten diese lediglich eine Lizenzgebühr, also nur einen kleinen Teil des eigentlichen Geschäfts.

Anne: Wenn man also seinen alten Wintermantel loswerden möchte, packt man ihn besser nicht in den Rotkreuz-Container, sondern begibt sich in die Innenstadt und verschenkt ihn direkt an einen Obdachlosen?

„Bahnhofsmissionen und Kleiderkammern nehmen Spenden gerne an!“

Matthias: Ja! Das wäre schon mal ganz gut. Besser noch: Man sucht im Internet nach einer sozialen Kleiderkammer, bspw. bei der Bahnhofsmission. Dort hat man die Übersicht, wer was braucht und kann bspw. auch Kleidung in der richtigen Größe vermitteln. Denn was nützt ein Mantel, der nicht passt?

Anne: In Berlin gibt es sogenannte Kältebusse. Was genau verbirgt sich dahinter?

Matthias: Der Kältebus fährt in den Wintermonaten durch die Straßen, auch durch die Seitenstraßen, und hält Ausschau nach Menschen, die bereits zu schwach sind, um die Notübernachtungen aufsuchen zu können. Der Kältebus verhindert somit regelmäßig den Kältetod, den oftmals ist es wirklich eine Rettung in letzter Minute. Der Kältebus lebt von Spenden und wird durch die kirchlich getragene Stadtmission organisiert. Insgesamt spielen die Kirchen eine wichtige Rolle bei der Obdachlosenhilfe.

Anne: Immer wieder hört man, dass Geldspenden an Organisationen nicht bei den Betroffenen ankommen. An wen kann ich meine Spenden richten, wenn ich wirklich helfen möchte?

Matthias: Es ist völlig klar, dass Verwaltung und Organisation Geld kosten. Oftmals sind hauptamtliche Leute mit an Board, diese Leben nicht von Nächstenliebe. Trotzdem sollten sich Verwaltungsausgaben im Rahmen halten, diverse Spendensiegel kontrollieren sowas. Womit man niemals etwas falsch macht ist, wenn man lokale Hilfsprojekte besucht, einen kritischen Blick wirft und dann hilft. Vielleicht nicht nur mit Geld, sondern sogar mit einem Teil seiner Zeit.

„Durch die hohe Anzahl der Obdachlosen steigt auch die Zahl der Hinz & Kunzt Verkäufer“

Anne: In deutschen Städten werden seit einiger Zeit Zeitschriften von Obdachlosen verkauft. Sie tragen Namen wie Motz, Straßenfeger, RISS, BISS und Hinz&Kunzt und verhelfen den Verkäufern zu einem kleinen Einkommen. Wer produziert diese Zeitschriften, was ist ihr Prinzip? Wenn ich richtig informiert bin, stammt das Vorbild aus New York, die „Streetnews“ wurde dort bereits im Jahre 1989 gegründet. Ein Vorläufer muss wohl auch die Zeitschrift der Vagabunden, die um 1927 in Balingen in der Nähe von Stuttgart gegründet wurde?

Matthias: Es gibt hier in der Tat viele Projekte, manchmal werden sie von privaten Hilfsvereinen getragen, manchmal sind es kirchliche oder öffentliche Projekte. Die Idee dahinter ist immer die gleiche: Obdachlose können sich was dazu verdienen und haben dadurch eine feste Aufgabe, die dazu führt, dass es wieder so etwas wie Routine gibt. Allerdings hat dieses System seine Grenzen: Durch die hohe Zahl der Obdachlosen steigt auch die Anzahl der Verkäufer, die Nachfrage bleibt aber gleich. Das führt zunehmenden zu Schwierigkeiten.

Anne: Über die Themen, die dich bewegen, haben wir vorhin schon kurz geplaudert. Wenn du ein Interessenmagazin gründen würdest, das nur ein bestimmtes Thema behandelt, welches der vorhin genannten würdest du dir herausgreifen?

Das Brandenburger Tor in Berlin

Das Brandenburger Tor in Berlin

Matthias: Eine Fachzeitung zur ökosozialen Stadtentwicklung. Eine solche Zeitschrift, die sich streng am Machbaren orientiert und gleichzeitig eben nicht die großen Visionen vergisst, gibt es derzeit leider nicht.

Anne: Eine Frage, die ich leider jedem Berliner stellen muss: Was ist von dem Flughafen-Projekt zu halten?

„Ich schimpfe nicht mal mehr auf die Berliner SPD!“

Matthias: Ich sag dazu nichts mehr. Nein, ich schimpfe noch nicht mal mehr auf die Berliner SPD!

Anne: Du setzt dich ja nicht nur für die Menschen, sondern auch für unsere Umwelt ein, unter anderem bist du auch aktives Mitglied bei Bündnis 90 / Die Grünen. Was können wir tun, um unsere Zukunft grüner zu gestalten?

Matthias: Als Grüner muss man ja höllisch aufpassen, bei solchen Fragen nicht in die Falle der Besserwisser-Partei zu laufen. Trotzdem muss gesagt werden: Wir müssen verstehen, dass unsere Freiheit in erster Linie Freiheit in Verantwortung bedeutet! Freiheit ist kein Selbstzweck, Freiheit bringt Verpflichtung. Dazu gehört, dass wir alle bspw. überlegen, bevor wie konsumieren. Lass das Fleisch aus Massentierhaltung im Regal liegen, meide Strom aus dem Braunkohleklimakiller und fahr mal wieder öfter U-Bahn statt Auto! Das war richtig, das bleibt richtig.

Anne: Was machst du, wenn du dich nicht gerade für den nächsten Parteitag vorbereitest, für ein Magazin oder für dein Blog schreibst?

Matthias: Die Politik nimmt schon einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch. Wenn was übrig bleibt, höre ich Rockmusik und freue mich auf das AC / DC-Konzert im Sommer. Ich nehme mir jeden Sommer 3-4 Wochen Zeit, in denen ich Deutschland per Eisenbahn bereise. Es gibt kaum eine Stadt, in der ich noch nicht war.

Anne: Als Pressesprecher des Pro Bahn Verbandes wurdest du zur Schlichtung zu den Streits um Stuttgart 21 gerufen. In Stuttgart ging es eine Zeitlang ganz schön rund, das Thema war europaweit in aller Munde. Die Bürger wurden dazu aufgerufen, den Bahnhofsumbau kritisch zu betrachten und über die Alternativen nachzudenken, es kam zu Demonstrationen, in deren Verlauf Übergriffe von Seiten der Polizei gegenüber den Demonstranten kam. Wie fühlte sich sich das damals an, hattest du Angst, es könnte völlig aus dem Ruder laufen? Bist du mit dem Ergebnis zufrieden? Wie ist eigentlich der aktuelle Stand, aktuell finden ja Bauarbeiten statt, wenn ich richtig informiert bin?

„Stuttgart 21 ist schon früh aus dem Ruder gelaufen“

Matthias: Stuttgart 21 ist bereits am 30.09.2010, dem Tag des brutalen Polizeieinsatzes, aus dem Ruder gelaufen. Ich bin mit dem Ergebnis nicht zufrieden, denn Stuttgart 21 wird gebaut, daran ist nichts mehr zu rütteln. Die einzige Frage ist: Wann wird eröffnet? Wie viel Mehrkosten entstehe und mindern damit das ohnehin knappe Eisenbahnbudget? Was aber noch dramatischer ist: Aus Stuttgart 21 wurde nicht gelernt. Stuttgart 21 hat zu keiner Veränderung hinsichtlich der Bürgerbeteiligung geführt, somit war zumindest bislang alles umsonst.

Anne: Eine Sache, die einfach Jede/r tun sollte, damit wir fairer im Umgang miteinander werden?

Matthias: Uns an  Immanuel Kant erinnern: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Und zwar global!

Anne: dein nächstes Projekt?

Matthias: Wird spannend!

Anne: Vielen Dank für das Interview! Es hat mich sehr gefreut, deine Bekanntschaft zu machen!

Matthias: Ich habe zu danken!