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    Luftverschmutzung als Grund für Suizide

    Studie in China ruft Politik zu Klimaschutz auf

    Beitrag von Anne
    01.03.2024 — Lesezeit: 4 min
    Luftverschmutzung als Grund für Suizide

    Forschende in den Vereinigten Staaten und China haben einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Suizidraten erkannt, der dazu anregt, das Thema noch mal ganz neu zu überdenken. Durch die Bemühungen Chinas zur Verringerung der Luftverschmutzung konnten im Land Schätzungen der Wissenschaftler*innen zufolge in nur fünf Jahren 46.000 Suizide verhindert werden. Das Forschungsteam nutzte die Wetterbedingungen, unklare Faktoren, die sich auf die Luftverschmutzung und die Suizidraten auswirken, herauszufiltern. Dabei gelangte es zu einem "echten kausalen Zusammenhang".

    CW: Suizid, Luftverschmutzung

    Nature Sustainability1 veröffentlichte die Arbeit. Das geht unter anderem auch aus einer Pressemitteilung von Newswise2 hervor.

    Luftverschmutzung hat nicht nur physische Auswirkungen

    Belastungen wie die in unserem Zeitalter allgegenwärtige Luftverschmutzung werden meist ausschließlich als physisches Gesundheitsproblem betrachtet, das zu einem Spektrum von akuten und chronischen Krankheiten wie Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs führt. Die Assistenzprofessorin an der Bren School of Environmental Science & Management der UC Santa Barbara Tamma Carleton3 weiß, dass diese Umweltfaktoren auch die psychische Gesundheit beeinträchtigen können. Sie untersuchte bereits die Auswirkungen der Temperatur auf die Suizidraten in Indien und stellte dabei fest, dass übermäßige Hitze die Selbsttötungszahlen in die Höhe treibt4.

    Ihre Erkenntnis brachte sie auch dazu, die Suizide in China im Zusammenhang mit der Luftverschmutzung genauer zu betrachten. Sie hatte festgestellt, dass sie in China viel schneller zu sinken schien, als im Rest der Welt. Während die Pro-Kopf-Suizidrate des Landes im Jahr 2000 über dem weltweiten Durchschnitt lag, war sie zwei Jahrzehnte später unter den insgesamt rückläufigen Durchschnitt gefallen.

    Ihr fiel auf, dass die Luftverschmutzung im gleichen Zeitraum drastisch zurückging. Tamma Carleton vermutete, dass diese beiden Phänomene etwas miteinander zu tun haben könnten:

    "Es ist ganz klar, dass der Kampf gegen die Umweltverschmutzung in den letzten sieben bis acht Jahren zu einem beispiellosen Rückgang der Verschmutzung geführt hat, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die wir sonst nirgendwo erlebt haben."

    Carleton und ihr Co-Autor, der ehemaliger UCSB-Doktorand Peng Zhang, schlossen sich mit Forschenden in Xanghai und Peking zusammen. Gemeinsam wollten sie die Auswirkungen von Chinas jüngstem harten Vorgehen gegen die Luftverschmutzung auf die Selbsttötungszahlen im ganzen Land untersuchen. Sie sammelten demografische Daten von 2013 bis 2017 vom chinesischen Zentrum für Krankheitskontrolle und -prävention und meteorologische Daten vom China Meteorological Data Service Center.

    Das Team stand vor einer kniffligen Aufgabe. Beispielsweise korrelieren die Wirtschaftstätigkeit, das Pendlerverhalten und sogar die Industrieproduktion mit der Luftverschmutzung – diese Aktivitäten können auch die Suizidraten beeinflussen.

    Carleton berichtet:

    "Eine der größten Herausforderungen bei früheren Arbeiten zu diesem Problem ist, dass die Luftverschmutzung mit vielen Dingen korreliert. Unser Ziel war es, nur die Rolle der Luftverschmutzung auf die Suizide zu isolieren, im Gegensatz zu all den anderen Dingen, die mit der Luftverschmutzung korreliert sein könnten."

    Inversionswetterlagen beeinflussen die Suizidraten

    Industriebrand in Südspanien.
    Industriebrand in Südspanien.

    Die Wissenschaftler*innen machten sich bei ihren Auswertungen die atmosphärische Bedingung zunutze. Bei der sogenannten Inversion schließt warme Luft eine Schicht kalter Luft unter sich ein – wie bei einem Topf mit Deckel. Dadurch kann sich die Luftverschmutzung in Oberflächennähe konzentrieren, was zu Tagen mit höheren Verschmutzungswerten führt, die nicht mit menschlichen Aktivitäten zusammenhängen. Dieses relativ zufällige Phänomen ermöglichte es Carleton, Zhang und den anderen Autor*innen der Studie, die Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Selbsttötungsrate zu isolieren. Durch die Entkopplung der Verschmutzungswerte von den menschlichen Aktivitäten, die das menschliche Verhalten beeinflussen, sehen die Forschenden einen echten kausalen Effekt identifiziert zu haben.

    Die Wissenschaftler*innen verglichen die Suizidzahlen in 600 Bezirken und Wochen mit Inversionswetterlagen und Wochen mit normalem Wetter und ließen die Daten durch ein statistisches Modell laufen. Sie stellten fest, dass die Suizidrate bei steigender Luftverschmutzung erheblich anstieg. Besonders stark war der Effekt bei älteren Menschen, wobei ältere Frauen 2,5-mal stärker gefährdet waren als andere Gruppen.

    Die Autor*innen der Studie sind sich nicht sicher, warum ältere Frauen für diesen Effekt besonders anfällig sind, obwohl dies teilweise kulturell bedingt sein könnte. Frühere Forschungen legen nahe, dass die meisten Selbsttötungen von Frauen in China auf akute Krisen zurückzuführen sind. Das bedeutet, wenn die Umweltverschmutzung eine akute Auswirkung auf die psychische Gesundheit hat, könnte sie ältere Frauen unverhältnismäßig stark betreffen.

    Das beschriebene Phänomen scheint sich relativ schnell zu zeigen. Die Raten stiegen innerhalb der ersten Woche nach der Belastung an und gingen dann abrupt zurück, sobald sich die Bedingungen verbesserten. Dies deutet darauf hin, dass die Umweltverschmutzung möglicherweise eine direkte neurologische Wirkung hat, anstatt chronische Gesundheitsprobleme zu verursachen, die die Suizidrate später in die Höhe treiben. Die Hinweise darauf, dass die Feinstaubbelastung die Neurochemie beeinflusst, mehren sich.

    Wichtige Erkenntnisse für die Suizidprävention

    Karte: Rückgang der Suizide zwischen 2013 und 2017. Bild/Picture © Harrison Tasoff
    Karte: Rückgang der Suizide zwischen 2013 und 2017. Bild/Picture © Harrison Tasoff

    Zwar ist die Umweltverschmutzung nicht der einzige Faktor, der die Selbsttötungszahlen beeinflusst, laut Carleton besitzt er jedoch eine große Wirkung. Sie erklärt:

    "Dreißig Jahre Klimaerwärmung in Indien haben in etwa das gleiche Ausmaß an Selbsttötungen bewirkt, wie fünf Jahre Bekämpfung der Luftverschmutzung in China.

    Wir denken häufig, dass Suizide und psychische Erkrankungen Probleme sind, die wir auf individueller Ebene verstehen und lösen müssen. Das Ergebnis unserer Untersuchungen verweist auf die wichtige Rolle der Kommunal- und Umweltpolitik im Hinblick auf die Bewältigung von Krisen im Bereich der psychischen Gesundheit und speziell der Selbsttötungen außerhalb der individuellen Ebene."

    Die Forscherin hofft, dass die Ergebnisse ihrer Arbeit einen neuen Ansatz für die Gesellschaft bei der Suizidprävention ermöglichen. Sie sagt:

    "Die öffentliche Politik in Bezug auf die Luftverschmutzung – etwas, das man nicht kontrollieren kann, das sich vor dem eigenen Fenster abspielt – beeinflusst die Wahrscheinlichkeit, dass man sich das Leben nimmt. Und ich denke, das wirft einen anderen Blick auf die Lösungen, über die wir nachdenken sollten. Es ist wichtig, dass die Vertreter*innen des öffentlichen Gesundheitswesens dies auch wissen – unser Klima erwärmt sich weiter und die Umweltverschmutzung nimmt in zahlreichen Ländern weiter zu."

    Im nächsten Schritt plant Carleton, sich die Suizidraten in anderen südostasiatischen Ländern genauer anzusehen. Sie erklärt:

    "Die meisten Suizidstudien wurden in den USA und Europa durchgeführt. Es ist weniger klar, was die Suizidraten in den Entwicklungsländern antreibt, wo wir auch die schnellsten Umweltveränderungen erleben."

    Wir müssen endlich etwas gegen die Umweltverschmutzung tun und die Klimakatastrophe aufhalten

    Natürlich ist die Umweltverschmutzung nicht der einzige Faktor, der einen Menschen dazu bringen kann, sein Leben zu beenden. Laut der Forscherin sind etwa zehn Prozent des Gesamtrückgangs in den letzten fünf Jahren der sinkenden Feinstaubbelastung zuzuschreiben.

    Die Umweltverschmutzung weltweit endlich einzudämmen ist aus vielen Gründen wichtig – nun kommt auch noch ein weiterer Beleg dazu, dass wir dabei auch unsere psychische Gesundheit nicht außer Acht lassen sollten. Chinas radikales Vorgehen in Sachen Luftverschmutzung kann hier als Beispiel dafür dienen, wie drastisch die Ergebnisse sein können, die man mit Klimaschutzmaßnahmen erzielen kann. Dass dadurch nicht nur weniger Menschen an Atemwegserkrankungen sterben, sondern sich auch weniger Personen das Leben nehmen, sollte uns zu denken geben.

    1. Nature Sustainability – "Estimating the role of air quality improvements in the decline of suicide rates in China"
    2. Newswise
    3. Tamma Carleton, Assistant Professor Environmental Economics, Climate Change
    4. PNAS: "Crop-damaging temperatures increase suicide rates in India"

    © 2024 · soundsvegan.com · Anne Reis