Das erste Album des Würzburger Post-Rock Projekts „The Ocean’s Lullaby“ soll Ende des Jahres erscheinen. Ich habe mich mit Gründer Marc über sein musikalisches Werk unterhalten.

Six Days Of Calm gibt es seit 2018. Als sich seine Metalcore Band Watch Them Fade auflöste, wusste Multiinstrumentalist Marc, dass es Zeit für etwas Neues war – er wollte sich fortan voll und ganz seiner großen Leidenschaft, dem Post-Rock widmen. Mit dem 6DOC Debut-Album „The Ocean’s Lullaby“ zeigt sich dieses Feuer das erste Mal mit seiner ganzen Kraft.

Anne: Hi! Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst! Wie geht es Dir?

Marc: Hallo Anne! Sehr gerne! Danke, gut so weit. Natürlich spürt man nach wie vor an allen Ecken und Enden die Auswirkungen von Corona aber ich persönlich hatte wirklich großes Glück. Wir waren hier in vielerlei Hinsicht kaum betroffen. Leider im Gegensatz zu vielen anderen Menschen.

Anne: Hat die Pandemie auch Deine Aufnahmen für das Album „The Ocean’s Lullaby“ beeinflusst?

Marc: Glücklicherweise überhaupt nicht. Die Aufnahmen liefen noch vor dem großen Lockdown. Mastering, Artwork-Geschichten usw. dann währenddessen aber das war kein Problem, weil alles „kontaktlos“ über die Bühne gehen konnte.

Anne: Was hat Dich zu dem Album inspiriert? Was steckt hinter dem Namen?

Six Days Of Calm ist ein Solo-Projekt

Six Days Of Calm

Marc hat mit Six Days Of Calm ein Post-Rock Solo-Projekt gestartet.

Marc: Six Days Of Calm ist keine Band im klassischen Sinne. Das Projekt besteht im Kern aus mir. Ich schreibe die komplette Musik alleine und nehme alle Instrumente als Vorproduktion bei mir daheim auf. Natürlich kommen dann später auch noch Produzenten, Grafiker, Live-Musiker und ein Label mit ins Spiel. Was aber die Musik betrifft, besteht 6DOC alleine aus mir. Nach dem Ende von Watch Them Fade war für mich zuerst noch nicht mal klar, ob ich überhaupt weiter Musik mache. Es hat sich aber schnell herausgestellt, dass es ohne dann doch nicht geht. So entstanden dann nach und nach die sieben Tracks für das Album – erstmal ohne konkrete Pläne, sie auch zu veröffentlichen.

Vielleicht war das auch einer der Gründe dafür, warum die Songs so geworden sind, wie sie sind. Ich hatte während ihrer Entstehung nie einen bestimmten Gedanken oder gar Druck, ein Album auf den Markt bringen zu müssen.

„Es geht um meine Liebe zum Meer“

Der Titel der Platte beschreibt meine große Liebe zum Meer. Vor allem, wenn man abends oder auch früh morgens dort sitzen kann und einfach nur zuhört, wie friedlich alles ist. Ich finde dieses große und weitgehend unbekannte sehr faszinierend. Irgendwie Respekt einflößend und gleichzeitig so beruhigend und wunderbar. Ähnliche Empfindungen habe ich auch bei meiner Musik. Mal ist alles wahnsinnig ruhig und zurückhaltend aber dann baut es sich auf und wirkt fast schon bedrohlich.

Anne: Du hast mir erzählt, dass Du die Platte während einer der schwierigsten Phasen Deines Lebens geschrieben hast. Hört man das den Songs an?

Marc: Ich denke schon. Ich dachte zwar, dass ich die schwierigste Phase meines Lebens schon während der Entstehung des letzten Watch Them Fade Albums „Emptiness“ hatte, ahnte aber tatsächlich nicht, dass es noch dicker kommen würde. Na ja, wir haben im Leben alle mit unseren Schwierigkeiten zu kämpfen aber als ich „The Ocean ’s Lullaby“ geschrieben habe, war das schon eine außergewöhnliche Zeit für mich, mit unglaublich vielen Veränderungen.

„Metalcore muss einfach knallen“

The Ocean's Lullaby von Six Days Of Calm

The Ocean’s Lullaby von Six Days Of Calm

Einer der großen Unterschiede zum letzten WTF Album ist ganz klar, dass ich mit Metalcore nur bedingt Emotionen transportieren kann. Das geht eigentlich nur über die Texte und die habe bei WTF nicht geschrieben. Was die Musik angeht, ist man da schon etwas limitierter. Metalcore braucht nun mal gewisse Trademarks wie heftige Breakdowns und eingängige Aufbauten. Die Songs müssen einfach knallen.

Das soll nicht abwertend klingen – ich liebe Metalcore und finde auch, dass gerade diese Trademarks wichtig sind. Aber sie limitieren das Songwriting und im Post-Rock gibt es eben meines Erachtens keine oder kaum Grenzen. Zumindest habe ich mir keine mehr gesetzt. Es ist egal, ob ein Song nach drei Minuten zu Ende ist oder erst nach 12. Es spielt auch keine Rolle, ob ein Stück aus einem Teil besteht oder aus zehn.

Ich habe mich bei „The Ocean’s Lullaby“ nicht einschränken lassen und konnte deswegen auch meine Stimmungen und Gefühle voll und ganz ausdrücken. Genau deswegen denke ich auch, dass man schon sehr gut hört, welche Gefühle ich in dieser Zeit durchlebt habe. Authentischer geht es nicht.

Anne: Mit „Loss“ ist gestern pünktlich zum Preorder-Start der erste Vorgeschmack auf die LP erschienen. Hast Du noch weitere Vorauskopplungen geplant?

Marc: Der Opener des Albums „Breathe“ wird als Single-Auskopplung mit Video noch vor der Veröffentlichung erscheinen. Eventuell kommt sogar noch ein dritter Song dazu, aber das steht noch nicht genau fest. Das Video zu „Breathe“ drehen wir aktuell mit Jan Kerscher in den Ghost City Studios. Dort wurden auch bereits Videos für sleepmakeswaves, Ef, The Ocean, Der Weg einer Freiheit und Northlane gedreht.

Vinyl-Release am 6. November

Anne: Weißt Du schon, wann genau der große Tag sein wird?

Marc: Ja! Der große Tag wird der 6. November 2020. Ich bin schon sehr gespannt. Obwohl ich vorher mit unterschiedlichen Bands bereits fünf Alben veröffentlicht habe, ist das meine erste Vinyl-Veröffentlichung.

Anne: Das ist wirklich spannend! Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg! Das Mastering für Dein Album hat Philipp Welsing von den Original Mastering Studios in Hamburg übernommen. Er hat auch schon mit bekannten Größen wie Ef, Mutiny on the Bounty, Lantlos, Der Weg einer Freiheit und Callejon zusammengearbeitet. Wie war es, mit ihm zu arbeiten? Wie bist Du mit ihm in Kontakt getreten?

Marc: Der Kontakt kam über meinen Produzenten Nikita Kamprad zustande. Nikita arbeitet sehr gerne mit Philipp zusammen und Philipp mastert eine Menge der Produktionen, die bei Ghost City Recordings aufgenommen werden. Phillip ist ein toller und sehr angenehmer Mensch. Er macht einen wahnsinnig guten Job. Es war auf jeden Fall eine gute Entscheidung, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich finde, er hat dem sowieso schon richtig guten Sound und Mix von Nikita noch das gewisse „Etwas“ verpasst. Nikita und Phillip haben zusammen einen wahnsinnig differenzierten, warmen und trotzdem wuchtigen Sound kreiert.

„Das Artwork hat das Album vervollständigt“

The Ocean's Lullaby - Six Days Of Calm

Das Artwork stammt von Oliver Hummel von Hummel Grafik.

Anne: Das Cover stammt von Oliver Hummel von Hummel Grafik habe ich gehört? Das ist ja wirklich großartig! Er hat schon einige tolle Artworks gestaltet. Das war sicher eine Freude, dass Du ihn für das Album gewinnen konntest, oder?

Marc: Ja absolut. Oli ist ebenfalls ein toller Kerl und die Zusammenarbeit mit ihm war sehr unkompliziert und angenehm. Das Ergebnis ist noch viel besser geworden, als ich mir das je erträumt hätte. Man kann sagen, es hat das Album vervollständigt.

Anne: Wie bist Du auf den Namen Six Days Of Calm gekommen? Was bedeutet er Dir?

Marc: Ich beschäftige mich sehr viel mit Dingen die mit Ruhe, Entschleunigung und Entspannung zu tun haben. Da lag der Name fast auf der Hand. Tatsächlich kam er mir in den Sinn, als ich ein Buch zu diesen Themen gelesen habe. Ich mag den Namen sehr, ich finde es ist einfach alles sehr stimmig so. Mir war von Anfang an wichtig, dass Musik, Artwork, Titel und Name ein großes Ganzes ergeben.

„Sigur Rós und This Will Destroy You haben mich geprägt“

Anne: Welche Bands und Musiker⋆innen würdest Du als Deine persönlichen Vorbilder bezeichnen?

Marc: Hm, Vorbilder ist immer so ein Wort. Schwer zu sagen, ob ich diese Bands oder Menschen als Vorbilder bezeichnen würde. In jedem Fall sind es aber Bands die mich und meine Art Musik zu machen massiv geprägt haben oder die mich überhaupt erst dazu gebracht haben Post-Rock zu hören oder selbst welchen zu machen.

Ganz klar eine der herausragendsten Bands überhaupt für mich ist This Will Destroy You. Zudem waren aber auch immer Bands wie Sigur Rós, Shels, pg.lost, Ancients und The End Of The Ocean äußerst wichtig für mich. Ich denke, dass sie mich in vielerlei Hinsicht geprägt haben.

Anne: Du hast auf meiner Seite schon ein paar Mal unter Beiträgen zum Thema Veganismus kommentiert. Lebst Du selbst auch vegan? Wenn ja, seit wann und was führte zu Deiner Entscheidung?

„Heutzutage muss keiner mehr Fleisch essen“

Six Days Of Calm

Marc findet, dass heute keiner mehr Fleisch essen muss.

Marc: Ich habe mal längere Zeit vegan gelebt. Es ist jedoch nicht ganz einfach, wenn man wie ich völlig abgeschieden auf dem Land lebt. Da ist das Angebot an veganen Dingen echt immer noch sehr bescheiden. Es wird besser aber gerade auch was Veganismus außerhalb des Ernährungsbereiches betrifft, ist das wirklich nicht ganz einfach. Aber ich versuche, was ich kann. Ich schaffe es sehr gut, mich weitestgehend von tierischen Produkten fernzuhalten. Ich würde sagen, dass ich mich vegetarisch ernähre. Ab und zu esse ich schon mal ein Ei. Das kommt dann direkt von den frei laufenden Hühnern auf einem kleinen Bauernhof nebenan. Die Oma des Hauses hält diese Hühner dort hobbymäßig.

Grundsätzlich finde ich, dass es heute so guten Ersatz für Fleisch gibt, dass es absolut nicht mehr nötig ist, welches zu essen. Auch, wenn man auf diesen typischen Charakter und Geschmack nicht verzichten möchte, findet man auf jeden Fall etwas. Das Thema Fleisch an sich ist nicht ganz einfach. Wenn immer weniger Menschen Fleisch essen, die darauf achten, wo sie einkaufen, sterben vermutlich auch die Bio-Bauernhöfe irgendwann aus, auf denen die Tiere wenigstens zu Lebzeiten anständig behandelt werden. Wenn es schon Fleisch sein muss, dann wenigstens aus ordentlicher Haltung.

Ich für meinen Teil habe die Entscheidung, keine Tiere zu essen aus ethischen und gesundheitlichen Gründen getroffen. Dafür, dass Tiere leiden und sterben, möchte ich einfach nicht mehr verantwortlich sein.

„Ich bin gespannt auf die Reaktionen“

Anne: Wie sehen Deine weiteren Pläne aus, wenn die Platte da ist? Kann man überhaupt im Moment schon in Richtung Tourplanung gehen oder ist das im Angesicht der aktuellen Lage noch zu unsicher?

Marc: Na ja, ich denke mal, dass Tourplanungen nach wie vor sehr vage sind in diesem Jahr. Zudem ist es natürlich auch nicht ganz einfach, ein Projekt wie Six Days Of Calm auf die Bühne zu bringen. Es gibt aber durchaus Überlegungen zum Thema Live-Shows. Es bleibt also spannend. Außerdem bin ich natürlich sehr gespannt auf die Reaktionen auf das Album. Alles andere wird sich dann ergeben.

Anne: Vielen Dank für das hoch spannende Interview! Es hat mich sehr gefreut, Dich kennenzulernen! Ich wünsche Dir viel Erfolg für „The Ocean’s Lullaby“ und Deine weiteren Pläne!

Marc: Ich danke Dir Anne! Es hat Spaß gemacht! Auch Dir alles Gute weiterhin.

„The Ocean’s Lullaby“ wird ab dem 6. November 2020 als limitierte Doppel-Vinyl Variante in „Blue marbled transparent“ und als Doppel-Vinyl in „Bluish grey“ verfügbar sein. Zudem erscheint das über Midsummer Records / Cargo Album auch digital und auf allen Streaming-Plattformen. News von Six Days Of Calm bekommt Ihr auf Instagram und Facebook.

„Loss“ von Six Days Of Calm