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Die spanische Post-Rock Band Toundra hat den deutschen Stummfilm-Klassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ vertont. Mich hat das sehr neugierig gemacht, darum habe ich mich mit Gitarrist Esteban Girón zum Interview verabredet.

Durch die Wirren um Corona hat sich alles ein bisschen verschoben. Eigentlich sollte das Interview direkt im Anschluss an die April-Playlist stattfinden, in der auch Toundra Erwähnung fanden. Macht aber nichts. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Heute ist es so weit und ich kann Euch das Gespräch mit Esteban stolz präsentieren.

2007 legten einige ehemaliger Mitglieder der Bands Nacen de las Cenizas und Ten Minute Man das Fundament für ein neues Musikprojekt – Toundra war geboren.

Im Mai 2008 veröffentlichte die Band ihre Debut-EP „I“. Inzwischen haben Toundra ihr sechstes Album aufgenommen und erfreuen sich nicht nur innerhalb der Post-Rock Szene wachsender Beliebtheit. Nach ein paar Änderungen in der Besetzung besteht die Band heute aus Esteban Girón (Gitarre), David López (Gitarre), Alex Pérez (Drums) und Alberto Tocados (Bass).

Anne: Hi! Danke, dass Ihr Euch die Zeit für das Interview nehmt! Wie geht es Euch im Moment? Corona hat ja leider die komplette Musik Szene stillgelegt. Wie seid Ihr mit der Situation umgegangen? Gab/gibt es Online-Events?

„Online-Events sind nichts für uns“

Toundra

Toundra

Esteban: Hallo! Erstmal vielen Dank für dieses Interview und sorry, dass es erst jetzt klappt. Wie Du schon erwähnt hast, hat COVID-19 die komplette Welt verändert. Wir waren ein bisschen abgekoppelt von allem, was außer unserer Musik noch mit der Band zu tun hat. Es sind wirklich harte Zeiten – vor allem, wenn Deine Arbeit darin besteht, die Leute auf Konzerten zusammenzubringen. Wir haben neue Musik geschrieben und uns vor der Presse und anderen Leuten, die nicht in direkter Verbindung zu unserer Musik stehen, bedeckt gehalten. Für uns war das erstmal eine positive Erfahrung. Wir halten Online Events nicht für den natürlichen Lebensraum für unsere Musik, darum haben wir auch keine veranstaltet. Wir fühlen uns auch nicht wohl mit dieser Art Veranstaltungen. Musik ist für uns einfach Musik und nicht Bild, Mode oder Social Media.

Anne: Wer hatte die Idee, „Das Cabinet des Dr. Caligari“ zu vertonen? Was ist Eure Verbindung zu diesem Film?

Esteban: Eine Promotion-Firma in Madrid, die sich mit klassischen Musikfilmen beschäftigt, kontaktierte uns und fragte, ob wir Lust dazu hätten. Es war die Rede von nur einer Show in einem großen Kino in Madrid. Der Prozess und der Auftritt waren wundervoll. Die Musik kam sehr schnell zu uns und den Leuten hat die Show gefallen. Darum haben wir uns auch dazu entschieden, es wieder zu tun, ein Album aufzunehmen und den Moment zu genießen. Ich habe den Film genau studiert, als ich an der Uni war und die politische Message, der anti-faschistische Plot waren etwas sehr Besonderes für uns. Wir lieben diesen Film aus einem der wichtigsten Gründe überhaupt.

Anne: Das Album ist in Akte unterteilt. Habt Ihr die individuellen Parts des Films analysiert, als Ihr die Musik dafür geschrieben habt?

Wir kennen jeden Teil des Films

Esteban: Wir haben uns den Film hunderte Male angeschaut. Wir kennen jeden Part perfekt. Wir haben den Film dann zu Hause noch zwei oder dreimal mit unseren Instrumenten angeschaut. Jeder für sich. Dabei haben wir versucht, uns vorzustellen, welche Art von Musik perfekt zu welcher Szene passt. Anschließend haben wir das dann gemeinsam im Proberaum wiederholt. Es war schwierig, weil es etwas war, das wir nie zuvor getan hatten. Es war aber auch einfach, weil dieser Film eine enorme visuelle Kraft besitzt. Das hat uns sehr dabei geholfen, Musik dafür zu schreiben.

Anne: Eure Vorgängeralben sind durchnummeriert (Bis auf das letzte mit dem Namen „Vortex“). Warum habt Ihr Euch dazu entschlossen, das zu tun? Gehören sie zusammen? Was ist das Konzept dahinter?

Esteban: Es war nur ein Witz. Wir lieben Led Zeppelin und wir wollten es als eine Art Tribut an diese Band machen. Aber eigentlich ist es nur ein Witz. Eigentlich kannst Du das „V“ von Vortex auch als Fünf sehen (V.)

Anne: Ihr stammt aus der Hardcore Szene von Madrid. Wie unterscheidet sie sich in Deinen Augen von der Post-Rock Community? Oder sind die Übergänge da fließend?

„Die Szene ist heute ein Facebook Event“

Toundra

„Das Cabinet des Dr. Caligari“ – Toundra

Esteban: Diese Zeiten waren wirklich gut. Wirklich lustig. Wir waren nur Kinder, die Shows organisiert haben und zu welchen hingegangen sind. Die Musik war wirklich schlecht. Die Metalcore und Emo Zeiten waren wirklich lustig. Es gab ein paar gute Bands wie Gone With The Pain (Wo Alex Schlagzeug gespielt hat). Ziemlich viel Musik war furchteinflößend. Aber diese Zeiten waren besser, als heute, wo alles digital miteinander verbunden ist. Die Szene ist jetzt ein Facebook Event. Ich will kein Teil davon sein. Wir haben uns damals alle gekannt und nach Jahren der Freundschaft haben wir die Band gegründet. Es gab ein paar Post-Rock Bands in dieser Szene. Bei Musik geht es um Freiheit. Es gibt nicht mehr Regeln, als die Regeln, die Du in einem Pentagramm sehen kannst.

Anne: In Eurer Musik wechseln sich harte Passagen mit sanften, melodischen Parts ab. Würdest Du sagen, dass das Eure Persönlichkeit beschreibt?

Esteban: Ja, wir sind bipolar!

Anne: Ihr habt Euer letztes Album nach dem Vortex Club in Siegen benannt. Ein deutscher Film und ein deutscher Club. Habt Ihr eine besondere Verbindung mit Deutschland oder ist das Zufall?

„Deutschland ist das beste Land für eine Tour“

Esteban: Wir haben eine wirklich gute Beziehung zu Deutschland und wir haben uns immer daheim gefühlt, wenn wir in Deutschland auf Tour waren. Es ist das beste Land, um auf Tour zu gehen und wir lieben die Menschen bei Euch. Wir lieben Deutschland.

Anne: Ich habe irgendwo gelesen, dass Ihr Experimente mit Gesang, wie andere Post-Rock Bands sie von Zeit zu Zeit unternehmen, strickt ausschließt. Stimmt das? Was ist der Grund dafür?

Esteban: Sag niemals nie. Wir haben schon Experimente mit Gesang gemacht. Außerdem haben wir ein Nebenprojekt mit dem Namen Exquirla mit dem Flamenco-Sänger Niño de Elche. Wir nehmen Covers mit Sänger⋆innen auf und ich denke, wir werden in Zukunft mit Stimmen arbeiten.

Hardcore Punk und Flamenco

Anne: Das klingt spannend! Ich werde auf jeden Fall dran bleiben. Flamenco, Hardcore – Eure Einflüsse kommen aus den verschiedensten Richtungen. Welche Bands haben Euch am meisten beeinflusst? Welche Künstler beeindrucken Euch?

Esteban: Hm, ich sollte über die üblichen Bands sprechen, die uns alle beeinflusst haben. Ich denke, wir lieben die klassischen Bands wie die Beatles, Led Zeppelin, Pink Floyd und wie sie alle heißen. Wir lieben auch King Crimson und die klassischen Post-Rock Bands und Stoner Rock und Blues. Alberto und ich haben eine Hardcore Punk Vergangenheit, also erwähnen wir auch immer Fugazi und diese ganzen Bands aus den 1980er und 1990er Jahren.

Anne: Vielen Dank für dieses unglaublich spannende Interview! Ich freue mich schon sehr auf Eure Herbst-Tour! Wir sehen uns auf jeden Fall am 14. September im Hamburger Knust!

Esteban: Vielen Dank! Wir sehen uns in Hamburg!

„Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Toundra auf Spotify hören

„Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Toundra auf iTunes hören


[⋆] English version

Music is about freedom

The Spanish post-rock band Toundra has set a German silent movie classic to music with their new album „Das Cabinet des Dr. Caligari“. This made me curious, so I asked guitarist Esteban for an Interview.

Due to the confusion around Corona, everything was postponed for some time. Usually, the interview should have been taken place right after the April playlist as Toundra played an important role in it. But that doesn’t matter. The only thing that counts is that everyone is feeling well. Today is the day and I’m proudly presenting you my conversation with Esteban.

In 2007 former members of the bands Nacen de las Cenizas and Ten Minute Man build the foundation for a new music project – Toundra was born.

In May 2008 the band released its Debut-EP (I). Meanwhile, there are six albums and Toundra enjoys great popularity – not only within the post-rock scene. After a few line-up changes in the beginning the band now consists of Esteban Girón (guitar), David López (guitar), Alex Pérez (drums), and Alberto Tocados (bass).

Anne: Hi! Thank you for taking the time for this interview! How are you doing at the moment? Unfortunately, Corona has muted the music scene. How did/do you deal with the situation? Did you plan any online events?

„We’re not into online events“

Toundra

Toundra

Esteban: Hello. First of all, thanks for this interview, and sorry for the delay. As you mentioned, COVID-19 has changed all our particular world and we’ve been a little bit disconnected with all the things related to the band but the music. These are really hard times for everyone – especially if your work consists of making the people going together to a show. We have been writing new music and really disconnected to the press and other stuff not related directly with music and it’s been really positive. We are not doing any online events as we see it not natural and we are not comfortable doing those kinds of things. Music is about just music, not about image, fashion, and social media.

Anne: Who had the idea for setting „Das Cabinet des Dr. Caligari“ to music? What is your connection with the movie?

Esteban: A promotor company from Madrid related to classic music films contacted us to do it. It was going to be just one show in Madrid in a big cinema. The process and the show where wonderful. Music came to us really easy and the people enjoyed the show. So we decided to do it again, recording an album and enjoy that moment. I have studied the film in college and the political message, the anti-fascist plot where really special for us and one of the most important reasons why we love that movie.

Anne: Your record is divided into acts. Did you analyze the individual parts of the movie when you were writing the songs?

„We know every part of the movie“

Esteban: We have seen this movie hundreds of times. We know every part of the film perfectly. We saw the film two or three times at home with our instruments. Alone. Trying to imagine what kind of music was perfect for every scene. After that, we did it in our practice room. It was difficult because it was something we had not done before. But it was easy as this film has enormous visual strength and it helped us to write music for it.

Anne: Your previous albums are numbered up (except the last one, „Vortex“). Why did you decide to do so? Do they belong together? What is the concept behind it?

Esteban: It was just a joke. We love Led Zeppelin and we wanted to do it as a tribute. But mainly it’s just a joke. Actually, you can see the V of Vortex as „V“.

Anne: Your origin is the hardcore scene of Madrid. How does it differ from the post-rock community in your eyes? Or are the transitions fluent?

„The scene is a Facebook event these days“

Toundra

„Vortex“ – Toundra

Esteban: Those days were really good. Really funny. We where just kids organizing and going to shows. The music was really bad. Metalcore and emo days. Really funny. There were some good bands as Gone With The Pain (where Alex played drums). A lot of music was terrifying. But those days were better than nowadays when everything is digitally connected. Now the scene is a Facebook event. I don’t want to be part of it. So we knew each other during those days and after some years being just friends, we formed the band. There were some post-rock bands in that scene. Music is about freedom. There are no more rules than the rules you can see in a Pentagram.

Anne: In your music hard passages alternate with calm melodic parts. Would you say that this also describes your personality?

Esteban: Yes, we are bipolar.

Anne: You named your last album „Vortex“ after the Vortex Club in Siegen. A German club and a German movie. Do you have a special relation to Germany or is it a coincidence?

„Germany is the best country to go on tour“

Esteban: We are all having a really good relationship with Germany as we always felt like home touring in Germany. Is the best country to go on  a tour of the world and we love the people there. We love Germany.

Anne: I’ve read somewhere that you strictly exclude experiments with vocals, as other post-rock bands start them from time to time, in your band. Is that true? What is the reason for that?

Esteban: Never say never. We have done some experiments with vocals. Also, we have a side project called Exquirla with the flamenco singer Niño de Elche. We recorded covers with singers and I think we are working with some voices in the future.

Hardcore punk and flamenco

Anne: Sounds exciting! Flamenco, hardcore – your influences come from many different directions. Which bands have influenced you the most? Which artists fascinate you?

Esteban: Hm, I have to talk about the common bands that have influenced all of us. I think we love the classic bands like Beatles, Led Zeppelin, Pink Floyd, and all that shit. We love them and King Crimson too. We love the classical post-rock bands and some stoner and blues connections. Alberto and I have a hardcore punk past so we always mention Fugazi and those bands from the 80s and 90s.

Anne: Thanks a lot for this exciting interview! I am really looking forward to your tour in autumn! I will definitely be there on September 14th at Knust in Hamburg.

Esteban: Thanks a lot and see you in Hamburg!

Listen to „Das Cabinet des Dr. Caligari“ by Toundra on Spotify

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