Wer Bands wie Fugazi, Touché Amoré und Pianos Become The Teeth mag, wird sich mit der Musik der Post-Hardcore Band Twins wohl fühlen.

Twins gründeten sich 2017. Die vier Musiker bedienen gekonnt die Genres Mathrock, Post-Hardcore, Noise und Screamo. Mich haben sie spätestens mit dem Erscheinen ihre Albums „Soon“ überzeugt und ich musste sie unbedingt näher kennenlernen. Aus diesem Grund habe ich mich kurzerhand zum Interview mit den Musikern verabredet.

Sänger T.J. lernte über einen gemeinsamen Freund Jakob kennen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt fest vor, eine Band zu gründen und fand ziemlich stark, was Jakob auf der Gitarre ablieferte. Irgendwann trafen sie dann auf Tom und Steffen. Die beiden Vollblutmusiker haben mit ihrer 2005 gegründeten Emocore Band Mikrokosmos23 bereits hunderte von Konzerten gespielt. Die Idee, ein neues Projekt ins Leben zu rufen gefiel ihnen gut – Twins waren geboren.

Anne: Moin! Vielen Dank, dass Ihr Euch die Zeit für das Interview nehmt! Erstmal Gratulation zu „Soon“! Die Platte gefällt mir wirklich gut! Läuft es gut an?

T. J.: Danke dir! Ich denke schon! Wir haben auf jeden Fall einiges an Feedback bekommen, vieles davon positiv. Ich hab auch sehr viel Zuspruch von Familie und Freunden erhalten und das war mir eigentlich auch am wichtigsten.

„Wir kommen aus den unterschiedlichsten Ecken“

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„Soon“ – das neue Album von Twins

Anne: Stammt Ihr alle aus Eurem Gründungsort Dresden?

T.J.: Nein, wir stammen aus unterschiedlichsten Ecken und bis auf Tom und mich wohnt auch niemand von uns in Dresden. Das erschwert zwar manchmal das Proben und Planen, aber wir haben alle sehr ähnliche Erwartungen an die Band, so dass wir das trotzdem durchziehen.

Anne: Steffen, Du und Tom habt mit Mikrokosmos23 bereits Platten aufgenommen. Wie war es, mit einer neuen Band ins Studio zu gehen?

Steffen: Es ist auf jeden Fall immer wieder aufregend mit neuer Musik ins Studio zu gehen. Da es für Jakob und T. J. eine neue Situation war, war es umso spannender zu sehen, wie sich der Arbeitsprozess entwickelt. Wir haben aber relativ schnell einen gemeinsamen Workflow gefunden, sodass wir gut vorankamen und gegenseitig auf unsere Wünsche eingehen konnten. Am Ende haben wir viel voneinander gelernt.

Anne: Jakob, welches Stück auf „Soon“ magst Du besonders?

„Jeder hat seine Puzzleteile zu der Platte beigetragen“

Jakob: Puh, das ist echt schwer zu sagen. Für mich sind es mehr spezielle Parts die mir am Herzen liegen, weil ich mit ihnen bestimmte Erlebnisse oder Emotionen verbinde. Wir haben ja alle unsere Puzzleteile zu den Songs beigetragen und ich glaube, das Album ist dementsprechend auch recht unterschiedlich, was jeder von uns damit verbindet. Aber wenn ich wählen müsste, wären „Cockroaches II“ und „Library“ auf jeden Fall meine Favoriten.

Anne: War für Euch von vornherein klar, welche Art Musik ihr zusammen machen wollt?

T. J.: Also als ich Jakob kennen gelernt habe, hatte ich schon ein ziemlich konkretes Soundbild vor Augen, was ich aber im Zusammenspiel mit den anderen beiden recht schnell verwerfen musste. Dann haben wir uns schrittweise musikalisch aneinander herangetastet, bis es für uns alle gepasst hat.

Große Vorfreude auf das Album

Anne: Was bedeutet „Soon“ für Euch?

Jakob: Ich glaube es war so ein Gefühl von „bald geschafft“, jedenfalls für mich. Wir haben mit allem Drum und Dran insgesamt drei Jahre lang an dem Album gewerkelt. Dabei ist natürlich ganz schön viel Liebe und Energie hineingeflossen – das ist wie es klingt tatsächlich auch ein bisschen auslaugend. Als es dann auf die Schlusslinie zuging und wir uns auf einen Namen einigen mussten, hat es sich einfach echt gut angefühlt zu sagen, dass es bald endlich soweit ist. Es war ja nicht nur für die Leute, die nach Shows nach einem Album gefragt haben, ein langer Warteprozess, sondern auch für uns. „Soon“ hat da irgendwie einfach in die allgemeine Stimmung gepasst, so zwischen absehbarem Abschluss und erhofftem Aufbruch danach.

Anne: Wo liegen Eure Einflüsse. Welche Musiker⋆innen und Bands haben Euch am meisten beeindruckt?

T. J.: Also prinzipiell sind wir alle, so wie die meisten in der „Szene“, mit den typischen Bands der „Wave“ aufgewachsen, also La Dispute, Touché Amoré, Title Fight etc. Wir waren allerdings auch alle große Fans der britischen Math-Rock-Szene, die wahnsinnig kreative Bands wie TTNG und Delta Sleep hervor gebracht hat. Ein Name, der bei uns auch immer wieder fällt und auf den wir uns einigen können, ist Kidcrash. Die haben mich persönlich auch am meisten inspiriert, wenn es bei uns um ruhige Gitarrenzupf-Parts ging. Ich finde, die Melodieführung und die sich gegenseitig ergänzenden Gitarrenlinien auf dem Album „Jokes“ sind bis heute ziemlich einzigartig in dieser Gattung von Musik.

Anne: Wodurch unterscheidet sich die Screamo/Emo-Hardcore Szene Anfang der 2000er Jahre von der heutigen?

„Die Szene wird weiblicher und diverser“

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Twins im Proberaum

Steffen: Ich beobachte auf jeden Fall eine positive Entwicklung dahingehend, dass die „Szene“ im Bezug auf die Bands zunehmend weiblicher und diverser wird. Auf der anderen Seite schwinden leider die Freiräume, in denen diese Art von Musik zu Hause ist. Aber es gibt zum Glück noch engagierte Menschen, die diese Freiräume verteidigen und Konzerte in diesem Bereich veranstalten.

Anne: Wie geht Ihr vor, wenn Ihr einen Song komponiert. Gibt es da eine klare Rollenverteilung?

Jakob: Absolut nicht. Im Endeffekt kommen da Ideen aus den verschiedensten Quellen. Es gibt so Parts, die man zu Hause vorbereitet und die dann so oder in abgewandelter Form in einen Song kommen, Sachen, die im Proberaum entstehen und die cool sind oder einfach witzige Verspieler aus denen sich etwas ganz Neues ergibt. Es gibt natürlich die Tendenz, mit Gitarrenriffs anzufangen, aber auch das ist häufiger nicht der Fall gewesen bei der Platte. Ich glaube, dass bei uns einfach jeder gerne etwas einbringt und wir eigentlich jeden Song gemeinsam gestalten, bis er sich „richtig“ anfühlt.

„Wir wollen Spaß an der Sache haben“

Anne: Was hat Euch bei den Aufnahmen zu „Soon“ am meisten motiviert und inspiriert? Was treibt Euch an?

T. J.: Ich denke, im Kern wollen wir einfach alle Spaß an der Sache haben und uns in der Band ausleben, ausprobieren und aus den vielen einzelnen Ideen, die jeder mitbringt, ein schlüssiges Gesamtkonzept kreieren. Wir haben uns sicher alle von den unterschiedlichsten Dingen inspirieren lassen. Bei mir waren es meine Freunde und meine Therapie, die dazu geführt haben, dass die Texte so geworden sind, wie man sie auf der Platte hört.

Anne: Was würdet Ihr Politiker⋆innen am liebsten sagen?

T. J.: Kommt darauf an, von welcher Art von Politiker⋆innen wir reden. Mit Faschisten würde ich zum Beispiel gar nicht reden, denn mit Faschisten verhandelt man nicht und man gibt ihnen auch keinen Raum. Ansonsten würde ich gerne darauf hinweisen, dass man bei vielen Themen auf Experten hören sollte, die sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich-kritisch mit einem Thema auseinandersetzen. Zum Beispiel, wenn es um die Reduzierung des CO2-Ausstoßes geht.

„Wir wollen auf jeden Fall so viel wie möglich live spielen“

Anne: Im Moment sind ja wegen Corona leider alle Konzerte abgesagt. Ihr hattet sicher schon eine Tour geplant, oder? Hofft Ihr auf die kommende Festival-Saison?

Steffen: Wir sollten Ende März zwei Konzerte in Dresden und Chemnitz spielen, die aufgrund der derzeitigen Pandemie allerdings abgesagt wurden. Es sind noch mehr Termine geplant, an dieser Stelle kann ich aber noch nichts Konkretes dazu sagen. Wir wollen auf jeden Fall so viel wie möglich live spielen, natürlich auch auf Festivals.

Anne: Vielen Dank für das interessante Interview! Ich wünsche Euch viel Erfolg mit „Soon“!

Am 14. Februar erschien das spektakuläre Twins Album „Soon“. Das dritte Stück darauf trägt den Namen „Library“ Ihr kennt es bereits aus der Musikliste für den März. Das komplette Werk spielt sich zwischen bezaubernden Melodien und Bühne zerlegen ab – genau, was man sich von einer ordentlichen Post-Hardcore Platte erhofft.