Heute ist es soweit: Das inzwischen siebte Blogger Blind Date mit einem Song geht an den Start – dieses Mal mit dem Klassiker „Papa Was A Rolling Stone“ von The Temptations.

Was ein Blogger Blind Date ist? Ganz einfach: Das, was dabei herauskommt, wenn inzwischen 16 Blogger*innen zu einem vorher festgelegten Song frei assoziieren und dadurch die unterschiedlichsten Geschichten entstehen. Der Clou: Keiner weiß, was die anderen schreiben, veröffentlicht wird zur selben Zeit.


In der Regel haben Menschen ja eine ziemlich seltsame Vorstellung davon, wie andere Individuen so ticken. Da landet man ganz schnell in irgendeiner staubigen Schublade und kommt da so schnell nicht wieder raus. So geschehen vor ein paar Tagen in Köln.

Ich war mit zwei lieben Kolleginnen nach getaner Arbeit noch in einem gemütlichen aber völlig überfüllten Jazzclub. Wir nahmen an einem Tisch neben zwei Herrschaften (Vater und Sohn? Ich weiß es nicht) Platz, von denen besonders der ältere starkes Interesse an einer Unterhaltung mit uns zeigte.

Ein überfüllter Jazzclub

Weil ich mit drängeligen Situationen, Menschenmassen und aufdringlichen Menschen leider nicht so gut klarkomme, beschloss ich die Ansprechversuche zu ignorieren. Meine etwas neugierigere (und selbstbewusstere) Kollegin ließ sich hingegen auf ein Gespräch mit ihm ein. Ich unterhielt mich stattdessen lieber mit meiner anderen Kollegin übers Partymachen, unser aktuellstes Projekt und über Musik.

Musik begleitet mich seit ich im Bauch meiner Mutter die ersten Dehnübungen unternommen habe. Ich hatte das große Glück in einer sehr musikinteressierten Familie großzuwerden. Mein Vater hat damals Jimi Hendrixs live auf Fehmarn und Jethro Tull, Small Faces und Joe Cocker im legendären Marquee Club erlebt. Er verbrachte einen großen Teil seiner Jugend in Großbritannien und war damit sozusagen live dabei bei der Entstehung des Rock ’n‘ Roll. Ich sage das ohne zu übertreiben oder anzugeben. Mich als seine Tochter hat das von Anfang an geprägt – mein Interesse für Musik wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt.

Musik in der Kindheit

Der Plattenspieler war der Mittelpunkt unseres Wohnzimmers. Rundherum standen schränkeweise Schallplatten, Tonbänder und Kassetten mit Aufnahmen der verschiedensten Künstler von Greatfull Dead und Ten Years After über John Lee Hooker und Joni Mitchel, Canned Heat, Led Zeppelin, Woody Guthrie, Crosbie, Stills, Nash & Young, BB King und natürlich Bob Dylan. Neben dieser Vielfalt gab es noch ein stattliche Sammlung aus der Jazz-Ecke sowie einige klassische Sahnestücke.

Mein Vater kümmerte sich nicht alleine um die musikalische Früherziehung: Meine Oma, die mit ihren 90 Jahren heute noch im Chor singt, hat ihre Kinder und Enkel auch immer in ihrer musikalischen Entwicklung unterstützt. Mein Onkel, der wohl größte Zappa-Fan, den ich kenne, ist ein wahres Lexikon, wenn es um die verschiedensten Musikrichtungen geht. Früher spielte er in Bands, wo er sich an den verschiedensten Instrumenten austobte, vom Schlagzeug bis zur Gitarre. Inzwischen gehört ihm seit langen Jahren ein Plattenladen, in dem er jede einzelne Scheibe kennt. Er war auch maßgeblich an meiner und der Rock ’n Roll Infizierung meines Bruders, mit dem ich meine musikalische Entdeckungsreise und Entwicklung durchlebt habe, beteiligt.

Blues im Schulunterricht

Mein erstes Open Air habe ich noch vor meinem erstern Geburtstag besucht. Im Alter von zwölf Jahren hielt ich in der Schule einen Vortrag über Blues und seine Strömungen und Ursprünge, der es in sich hatte (Nein, damals gab es noch kein Wikipedia). Mein Lehrer verstand nur Bahnhof. Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt geglaubt, Roy Black hätte die Musik erfunden. Seitdem sauge ich alles auf, was mit Musik zu tun hat. Ein Leben ohne Musik kann ich mir nicht vorstellen. Sie war einfach immer da und umgibt mich wie die Luft zum Atmen. Aus diesem Grund ist sie auch zum festen Bestandteil meines Blogs geworden.

Als Teenager fing ich dann an, selbst die musikalische Welt zu entdecken. Von den Boybands, die meine Freund*innen so toll fanden, kam ich schnell wieder ab – sie waren mir schlicht zu langweilig. Vom Grunge kam ich zum Britpop, vom Britpop zum Indie. Irgendwann hatte ich zwischezeitlich mal eine Technophase, legte aber nach dem Feiern zu Hause sofort wieder Punk, Cross Over und Metal auf. Auch heute halte ich die Ohren immer offen. Wenn es etwas Neues gibt, muss ich es hören. Ich liebe es, zu erforschen, welcher Stil welche Ursprünge hat.

Industrial, Techno, Post-Rock, Punk, Black Metal, Alternative – täglich kommen Pressemitteilungen an, ich habe sämtliche VÖ-Listen in meinen Favoriten verlinkt und verbringe meine Freizeit am liebsten auf Festivals und Konzerten.

Worum geht es hier eigentlich?

Ihr findet, ich schweife ab und fragt Euch, worauf ich hinaus will? Dann spanne ich den Bogen mal zurück zum Ausgangspunkt: Dem Jazzkeller in der Kölner Altstadt und der Begegnung, über die ich heute ein bisschen schmunzeln musste, als ich mich daran erinnert habe.

„Also,“ versuchte mich der inzwischen schon etwas angeheiterte Mann kurz bevor wir den überfüllten Laden verließen, nochmal ins Gespräch zu verwickeln. Ich merkte dabei, dass etwas wohl die ganze Zeit in ihm gearbeitet hatte. Er hatte ein Bild von mir konnte es einfach nicht fassen, dass ich hier am Tisch saß. Irgendetwas an meiner Mimik und Gestik (oder war es mein Äußeres? Meine abweisende Art? Egal.) hatte ihn komplett durcheinander gebracht.

„Sie hat mir erzählt, sie ist mit dieser Musik großgeworden (mit dem Finger auf Kollegin eins, die er die ganze Zeit bequatscht hatte, zeigend) und sie (auf Kollegin zwei zeigend) tanzt die ganze Zeit ausgelassen. Aber warum bist Du eigentlich hier? Das ist doch ganz und gar nicht Dein Ding, oder?“

Eine bunte Bildergalerie

Wisst Ihr, was ich mir manchmal wünsche? Eine Galerie aus den Bildern, die die Menschen, die mir so begegnen, von mir im Kopf haben. Die Wäscheverkäuferin, die mich äußerst zuvorkommend und fast untertänig betreute, als ich geschminkt und im Sakko die Boutique betrat und mich todignorierte, als ich ungeschminkt im Deftones-T-Shirt vorbeikam. Die ältere Frau am Nebentisch, die nicht aufhören konnte, mich dabei zu beobachten, wie ich genüsslich meinen veganen Burger und mein alkoholfreies Weißbier verspeiste und sich dabei permanent lautstark bei ihrer Freundin über meine Tätowierungen (den wilden Alkoholkonsum tätowierter Menschen ließ sie dabei selbstverständlich nicht aus) mokierte.

Der Nachbar, der mir den Stinkefinger zeigte, als ich im Mietwagen aus der Parklücke vor unserem Wohnblock ausscherte. Die Frau, die während meiner Ausbildung meine Vorgesetzte war. Die Ärztin, die mir nicht glauben wollte, dass ich Schmerzen habe. Die Freundin, die mich auf Facebook blockiert hat. Die Liste ließe sich unendlich verlängern und ich glaube, es käme eine wirklich interessante und irre bunte Collage dabei heraus, oder?

Etwas daran freut mich wirklich ganz besonders. Es ist eines der besten Dinge, die einem bewusst werden können: Es spielt überhaupt keine Rolle, wie die Bilder aussehen, die die Menschen in ihren Köpfen von uns zeichnen!

Dennoch würde es mich freuen, wenn sich die Menschenheit mehr Toleranz zulegen würde. Das Wort bedeutet übrigens, Menschen so sein zu lassen, wie sie sind: Groß, klein, bunt, grau, ruhig, laut, in sich gekehrt, genau wie man selbst oder anders. Und nein, sie fängt nicht erst dann an, wenn man jemanden unter Druck dazu gedrängt hat, zu sagen, warum er*sie anders ist und gerne mit Rücksicht behandelt werden möchte. Sie sollte permanent und allgegenwertig sein.

Auf Konzerten fühlt sich das auch gut an, wenn man das Gefühl hat, alle respektieren sich gegenseitig. Mein Vater beschreibt die Konzerte im Marquee und auf Fehmarn so

„Kein Gedränge, alles coole Leute und die Musiker haben sich im Publikum die nächste Band angeschaut.“

Heute kann man das nicht mehr oft erleben. Zum Glück gibt es ein paar Ausnahmen, wie das Dunk Festival in Belgien.

The Temptations – „Papa Was A Rolling Stone“

Was das Ganze nun mit den Temptations zu tun hat? Keine Ahnung. Irgendwie habe ich heute morgen das Video aufgemacht, um den Text aufzusetzen und habe mich aus irgend einem Grund in diesem Moment wieder an die Begebenheit in Köln erinnert. Apropos: Der Laden war stark, ich möchte dort auf jeden Fall wieder hin.

Die Temptations gibt es übrigens auch heute, 60 Jahre nach ihrer Gründung in Detroit, noch. Mitsamt Gründungsmitglied Otis Williams. Ich finde, das hat eine dicke Portion Respekt verdient. 1989 hat man sie in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen, 2003 wurden sie bei den Grammys für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Hier sind sie für Euch mit dem großartigen Song „Papa Was A Rolling Stone“.


Beim Blogger Blind Date mit einem Song sind dieses Mal dabei:

Gartenbaukunst, BeetkulturDer kleine Horrorgarten, Stadtfarm, RienmakäferGarteneuphorie, Garteninspektor, Faun & Farn, Laubenhausmädchen, Naturgartenideen, Ein Stück Arbeit, Herwoodenheart, Kistengrün, WirGartenkinder, Wohnungsgarten und meine Wenigkeit.

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