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Melanie Joy hat mit „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ das Fachbuch überhaupt zum Thema Karnismus erschaffen. Ich habe es gelesen und möchte es auch meinen Leser*innen ans Herz legen. Warum das so ist, werdet Ihr jetzt erfahren.

Bei ihren Formulierungen scheut sich Melanie Joy nicht davor, auch mal zu provozieren. Sie kitzelt den/die Leser*in mit Hinweisen auf das eigene Verhalten und Fragen wie „Was würdest Du machen, wenn Dir ein Koch plötzlich gesteht, dass das Fleischgericht, dass Du gerade so genüsslich isst, mit Hundefleisch zubereitet wurde?“.

Entstanden ist ihr Werk aus einer spontanen Idee heraus. Aus dieser Idee wurde ihre Doktorarbeit und schließlich das Buch, das heute in meinem Regal steht. Die Autorin dreht die Perspektive, die uns nur allen nur  allzu bekannt ist, komplett um. Sprich: Sie zeigt Veganer*innen nicht als dogmatische, ideologische Sonderlinge, die sich bei Familienzusammenkünften und Firmenfeiern verteidigen müssen, weil sie kein Fleisch essen. Sie zeigt vielmehr auf, wie seltsam es in Wirklichkeit ist, welches zu essen. Würde man eine Katze braten? Oder einen Storch grillen? Wohl kaum. Aber warum tut man es dann mit Hühnern und Schweinen? Und wo ist die Grenze?

Warum ekeln wir uns vor den einen und essen die anderen?

1 kg Rindfleisch erzeugt so viele Treibhausgase, wie über 1.600 km Autobahnfahrt

1 kg Rindfleisch erzeugt so viele Treibhausgase, wie über 1.600 km Autobahnfahrt

Joy sagt „Das eigentlich Erstaunliche an unserer Einteilung in „essbare“ und „nicht essbare“ Tiere ist nicht unser Empfinden von Ekel, sondern unser Nichtempfinden von Ekel. Warum widerstrebt es uns bei den wenigen Tierarten, die wir für essbar erachten, nicht sie zu essen?“ (Seite 7)

Das ist eine verdammt gute Frage, oder? Die Schriftstellerin setzt noch eins obendrauf: „Das liegt daran, dass hinter dem Fleischessen auch eine Ideologie steckt. Die Auffassung, dass manche Lebewesen von Natur aus Nahrungsmittel sind, ist ein starkes Stück Dogmatismus.“

Aus dieser Schlussfolgerung ergibt sich der Begriff „Karnismus“ (Seite 7). Dahinter steht laut Joy ein System aus Praktiken und Überzeugungen, die es Menschen als selbstverständlich erscheinen lassen, manche Tiere zu essen, obwohl ihnen bewusst ist, dass es sich um Lebewesen handelt, die genau wie wir Angst vor dem Sterben haben und an ihrem Leben hängen.

Viele Kinder haben zwar, erklärt man ihnen, was das genau ist, zunächst einen natürlichen Widerwillen gegenüber dem Fleisch auf dem Teller, als Erwachsene lassen jedoch selbst Bilder von Schlachthöfen einen Großteil der Menschheit kalt. Das erklärt Joy sich durch das jahrelange Training, das wir durchlaufen, bis wir einen bestimmten Grad der Abstumpfung erreicht haben. Um die Augen nachhaltig vor dem zu verschließen, was sich direkt vor uns abspielt, ist permanente Anstrengung nötig, findet sie.

„Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ zeigt, wie es ist

Wir lernen also, die extremen Widersprüche (das eine Tier zu streicheln und das andere zu essen) bewusst zu ignorieren. Wir schlucken unsere Gefühle runter. Interessant, oder? Wie das funktioniert und warum es bei den meisten Menschen so gut klappt, hat die Wissenschaftlerin eingehend erforscht. Als Basis beschreibt sie „die drei Ns“: Menschen betrachten den Konsum von Produkten tierischer Herkunft als

  • natürlich,
  • notwendig und
  • normal,

obwohl er nichts dergleichen ist…

Doch zunächst zurück zur Geschichte mit dem Hundefleisch auf dem Teller. Was passiert, wenn man uns jetzt plötzlich glaubhaft vermittelt, es wäre ein Scherz gewesen, es würde sich natürlich um Rindfleisch handeln?

Unsere Wahrnehmung ist verschoben. Die meisten Menschen nehmen Rindfleisch anders wahr, als Hundefleisch und umgekehrt. Darum reagieren sie vollkommen unterschiedlich, wenn man es ihnen anbietet. Hunde bekommen von uns Namen und liegen mit uns im Bett, während Rinder nur ein Stück Fleisch sind. Verschiedene Kulturkreise lehnen den Verzehr verschiedener Tiere ab und essen andere. Wir teilen Tiere in Kategorien ein:

  • Beutetier
  • Fressfeind
  • Haustier
  • Nahrungsmittel
  • Schädling

Wenn man das so schwarz auf weiß liest, gibt es einem ganz schön zu denken, oder? Unser Schema teilt Tiere, wie eingangs erklärt, in „essbare“ und „nicht essbare Tiere“ ein. Darum ekeln wir uns vor Hundefleisch und essen Rind. Melanie Joy spricht hier auch von einem „Missing Link“, einer Lücke im Wahrnehmungsprozess.  Bei „essbaren Tieren“ stellen Menschen schlicht keine Verbindung zwischen Fleisch und Ursprungstier hier (Seite 18).

Aus Empathie wird Apathie

Wir verdrängen und verleugnen permanent und dämpfen so psychische und physische Grausamkeiten einfach weg. Die Autorin erklärt das im Kapitel „Von der Empathie zur Apathie“ auf den Seiten 19 – 23.

Was mir am Buch sehr gut gefällt, ist, dass die Autorin kleine Denkanstöße mit eingebaut hat. Einer davon (Seite 24) besteht darin, zuerst verschiedene Begriffe zum Wort „Hund“ zu assoziieren und anschließend zum Wort „Schwein“. Nachweislich sind die zum Wort „Schwein“ bei den meisten Menschen negativ, die beim Wort „Hund“ hingegen positiv.

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Esther The Wonder Pig

Beim Lesen des Werkes lernt man ganz nebenbei, sich mit eingeprägten Verhaltensmustern auseinanderzusetzen und sich selbst zu hinterfragen. Warum sind uns Schweine egal, während wir unsere Hunde lieben? Obwohl doch sogar schon drei Monate alte Ferkel auf ihren Namen reagieren und Schweine allgemein hochintelligente Tiere sind. Sie sind sogar dazu in der Lage Computerspiele zu spielen (Seite 45). Außerdem sind sie extrem kontaktfreudig und anhänglich.

Die einen zur Schlachtbank, die anderen aufs Sofa – woran liegt das? „Am Karnismus“, lautet Joys Antwort. Ein wichtiger Punkt für sie ist, dass Menschen heute Fleisch nicht mehr essen, weil sie es müssen, sondern, weil sie es wollen (Seite 32). Der Karnismus entspringt genau wie andere „Ismen“ einer Ideologie – daher auch die gewählte Bezeichnung (Seite 34).

Leid und Konditionierung

Eine Ideologie, die auf flächendeckender Gewalt basiert. Zahlreiche Tierschützer*innen, die sich mit dem Thema Schlachtung näher auseinandergesetzt haben, leiden genau wie Mitarbeiter*innen in Schlachthöfen unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Der emotionale Preis, den Menschen für die Arbeit an der Schlachtbank zahlen, ist hoch. Im Vorfeld werden sie konditioniert, denn nur durch ausgeprägte Routine ist es überhaupt möglich, derart brutale Aufgaben auszuführen. Die Lebewesen werden so zu Objekten. Die Tiere sind keine Individuen mehr, sondern schlicht Produkte.

„Möchte man so etwas wirklich einem Lebewesen antun?“, fragt Joy und hält der Menschheit einen Spiegel vor.

Auf Seite 36 schreibt die Autorin „Warum hassen wir es, die Qual der Tiere zu sehen? Weil wir mit anderen empfindungsfähigen Wesen mitfühlen. Ganz gleich, ob man nun erklärte*r ‚Tierfreund*in‘ ist, oder nicht: Die meisten von uns wollen niemandem Leid zufügen, weder Menschen noch Tieren, besonders, wenn es sich um großes, unnötiges Leid handelt. Aus diesem Grund besitzen gewalttätige Ideologien besondere Abwehrmechanismen, die es human denkenden Menschen ermöglichen, inhumane Praktiken zu unterstützen und dabei gar nicht zu merken, was sie tun.“

Auf der nächsten Seite bekräftigt sie diese Aussage „Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass der Mensch eine wohl natürliche Abneigung gegen das Töten hat.“

Schwere Unfälle in der Fleischproduktion

Die Quellen der Professorin für Psychologie und Soziologie sind umfassend. Sie lässt immer wieder auch Kolleg*innen zur Wort kommen. Unter anderen erwähnt sie auch Upton Sinclair, der in seinem berühmten Enthüllungsroman „Der Dschungel“ bereits 1906 auf die korrupten Zustände in der Tierindustrie und die schrecklichen Umstände auf Schlachthöfen hinwies. Damals wie heute lautet der Leitspruch der Fleischproduktion „Das Band stoppt nicht“ (Seite 91 – 93). Dass es dabei zu schweren Unfällen kommen kann, liegt auf der Hand – auch die Arbeiter*innen schweben permanent in Gefahr.

Zu den möglichen seelischen Folgen kommt, dass es beim Handtieren mit Bolzenschussgeräten, Spaltsägen, Beinscheren, Dampfreinigern, Kettenzügen und Entbeinungsmaschinen zur Abtrennung von Gliedmaßen sowie zu Augenverletzungen, Verbrennungen, schwerwiegenden Frakturen und Schlimmerem kommen kann.

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So viel besser würde es unserem Planeten ohne die Fleischindustrie gehen

Und die Welle der Vernichtung, mit der der Karnismus die Welt überrollt, hört bei den Menschen nicht auf. Auch die Folgen für die Umwelt hat Melanie Joy durchleuchtet. Verseuchtes Grundwasser und Luftverschmutzung sind allgegenwärtig und obwohl wir wissen, dass die Fleischindustrie einer der Haupttreiber des Klimawandels ist, darf sie weitermachen, wie gehabt. Auf Seite 99 zählt Melanie Joy unter anderem auf:

  • „Siebzig Prozent der früheren Regenwälder im Amazonas sind heute Weideland für Nutztiere.
  • Nach Angaben der Vereinten Nationen zählt die Nutztierhaltung heute ‚bei den wichtigsten Umweltproblemen  jeweils zu den zwei bis drei Hauptverursachern‘.
  • Die Tierindustrie ist weltweit der wahrscheinlich größte Wasserverschmutzer. Haupt-Verschmutzungsquellen sind Antibiotika und Hormone, Chemikalien aus Gerbereien, Tierexkremente, Bodenablagerungen von erodiertem Weideland sowie Dünger und Pestizide für den Futtermittelanbau.
  • Das von Rindern und ihrer Gülle abgegebene Methan trägt so viel zur Erderwärmung bei, wie 33 Millionen Autos.
  • Die von Nutztieren produzierten Treibhausgase machen bei Methan 37 Prozent, bei Lachgas 65 Prozent und bei Ammoniak 64 Prozent des Gesamtbestandes in der Atmosphäre aus.“

In einer Fußnote findet man den nicht unbedeutenden Satz:

„In Deutschland werden nach Angaben der Süddeutschen Zeitung (10.01.2012) sogar zwei Drittel aller Antibiotika in der Tierindustrie eingesetzt.“

Neben harten Fakten und direkter Konfrontation liefert „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ auch zahlreiche wissenschaftlich untermauerte Belege und Zahlen. Nüchtern und sachlich beweist Joy, dass wir Teil eines karnistischen Systems sind, in dem wir von klein auf lernen zu leugnen und unsere Augen zu verschließen.

Genau wie „Tiere essen“ Autor Jonathan Safran Foer, stellt auch Melanie Joy bewusst die Frage, warum auf Tabakprodukte Warnhinweise stehen, nicht aber auf Fleischprodukten.

Fleisch ist schlecht für die Gesundheit

Auf Seite 105 zitiert sie T. Colin Campbell. Der emeritierte Professor für Ernährungsbiochemie an der Cornell University ist der Verfasser der „China Study„. Dabei handelt es sich um die größte jemals durchgeführte Studie zum Thema Gesundheit und Ernährung.

„Die allermeisten Fälle, vielleicht sogar 80 bis 90 Prozent aller Krebs-, Herz- Kreislauf und anderen degenerativen Erkrankungen lassen sich – zumindest bis ins sehr hohe Alter – einfach dadurch vermeiden, dass man auf eine pflanzliche (vegane) Ernährung umstellt.“

Meinungsmache und Legitimierung

Warum essen dann überhaupt noch Menschen Fleisch? Wer sich diese Frage stellt, findet im Kapitel „Fleisch und seine Mythen“ ab Seite 108 Antworten. Hier spricht Melanie Joy über die Verbreitung des Karnismus über gesellschaftliche Kanäle und die gleichzeitige Unterbindung von Informationen über die negativen Auswirkungen des Konsums von Tierprodukten. Ein genanntes Beispiel ist die Ablehnung eines Spots der Tierschutzorganisation PETA in der Superbowlzeit wegen angeblicher „Meinungswerbung“, während ein Spot für ein Tabakprodukt gesendet werden dufte (Seite 119).

Zu dieser offensichtlichen Meinungsmache kommen laut Joy Mythenbildner*innen hinzu, die dafür sorgen, dass die drei Ns (Es ist natürlich, notwendig und normal, Tierprodukte zu konsumieren) permanent in Erinnerung bleiben. Man findet sie in den verschiedensten Bereichen des täglichen Lebens wie Arztpraxen, Schulen und Ämtern.

Die blutigen Szenen aus Schlachthöfen und Schilderungen von Schlachthof- und Tiertransport-Arbeiter*innen, die Joy in ihren Text einfließen lässt, lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Dennoch setzt sie nicht ausschließlich auf schockierende Schilderungen. Ganz im Gegenteil: Sie bleibt stets sachlich und wissenschaftlich neutral in ihren Ausführungen. Was soll sie auch Dinge weglassen: Sie sind schließlich Realität.

In Kapitel 4 wird Aldous Huxley mit seinem wohl berühmtesten Satz zitiert:

„Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, dass man sie ignoriert.“

Das ist absolut korrekt. Es wird Zeit, dass wir endlich etwas merken. Unsere Augen öffnen und sehen, was sich hinter verschlossenen Stalltüren abspielt. Das Leid nicht mehr stillschweigend hinnehmen. Auch der Satz

„Jedes Ding erscheint zuerst lächerlich, dann wird es bekämpft, schließlich ist es selbstverständlich.“

von Arthur Schopenhauer ist zum Glück wahr. Ich hoffe sehr darauf, dass die vegane Lebensart schon sehr bald selbstverständlich ist. Melanie Joy hat mit „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ die Entwicklung in diese Richtung ein großes Stück vorangebracht.

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Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe-anziehen

Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ von Melanie Joy ist bei Compession Media erschienen. Es trägt den Untertitel „Karnismus – eine Anleitung„. Achim Stammberger hat es aus dem Amerikanischen übersetzt. Simon Kneip hat es in genderneutraler Schreibweise überarbeitet. Es trägt die ISBN 978-3-9814621-7-3. Die Originalausgabe „Why We Love Dogs, Eat Pigs And Wear Cows“ wurde 2010 vom Verlag Conari Press, San Francisco veröffentlicht. Das Vorwort in der deutschen Ausgabe stammt von Hilal Sezgin.

Ihr habt bestimmt schon gemerkt, dass Bücher sich nach und nach zum festen Bestandteil meines Blogs etablieren. Je mehr ich selbst lese, desto mehr möchte ich darüber berichten. Verstärkt hat sich das Ganze noch, seit ich selbst mit meinem Mann Matze einen Roman geschrieben und veröffentlicht habe.

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