„Empfinden Tiere Liebe, Trauer und Mitgefühl?“ – Dieser Frage geht Autor Peter Wohlleben in seinem Buch „Das Seelenleben der Tiere nach“. Seine Sammlung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist garniert mit zahlreichen persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen.

Ich hatte nur Gutes gehört über Wohllebens zweites Buch und so freute ich mich sehr, als ich es eines Tages geschenkt bekam. Durchgelesen hatte ich es ziemlich schnell, man ist als Leser*in immer neugierig, wie es auf der nächsten Seite weitergeht.

Der Forstwirt und die Tiere

Der Förster, der auch schon „Das geheime Leben der Bäume“ geschrieben hat, trifft Tag für Tag auf die Bewohner von Wäldern und Wiesen. Dabei findet er heraus, dass die Gefühlswelt der Tiere sehr viel komplexer ist, als er vermutet hat. Sie haben gemeinsam Spaß, können auch für adoptierte Kinder Liebe empfinden und trauern, wenn ein Familienmitglied stirbt.

Peter Wohlleben geht völlig ohne Vorurteile in seine Recherche. Er beschäftigt sich nicht nur mit dem Verhalten wilder, sondern auch domestizierter Tiere. Ein Eichhörnchen, das an einem heißen Sommertag umfällt, weil es sein Kind vor der Sonne in Sicherheit bringen möchte, fasziniert ihn genauso, wie die Mauersegler, die so gut wie ihr ganzes Leben in der Luft verbringen.

Mit seinen Nachforschungen beginnt er bereits in frühester Jugend. Damals liest er am liebsten Bücher über Verhaltensforschung. Eines Tages gelingt es ihm sogar, mit Hilfe einer alten Heizdecke und eines Fieberthermometers ein Huhn auszubrüten. Sein Vater hatte ihm erklärt, dass es möglich sei, ein Küken über die Stimme an sich zu binden. Es begeistert ihn sehr, dass dieses kleine Wesen ihn, so lange es leben wird, begleiten wird. Darum muss er dieses Projekt unbedingt in die Tat umsetzen. Robin, so heißt das Huhn, begleitete ihn tatsächlich über einen langen Zeitraum, ehe es bei seinem sehr tierlieben Englischlehrer einzieht, auf dessen Schulter es für sein Leben gerne sitzt.

Können unsere Haustiere uns lieben?

„Können unsere Haustiere uns wirklich lieben?“, fragt sich Wohlleben. Oder locken wir sie nur mit unserem Futter an, beziehungsweise gewöhnen sie nur an uns, weil wir sie als Säuglinge ihren Eltern entziehen? Nun, es ist nicht nur das: Auch die Neugierde lässt sie Beziehungen mit uns eingehen.

Neben der Liebe gibt es natürlich noch viele andere Gefühle und Empfindungen. Peter Wohlleben berichtet von flunkernden Vögeln und Füchsen, von klauenden Eichhörnchen und Eichelhähern und von einem besonders mutigen Hirschkalb. „Das Seelenleben der Tiere“ enthält neben den Kapiteln „Mutterliebe bis zum Umfallen“, „Instinkte – minderwertige Gefühle?“ und „Von der Liebe zu Menschen“ unter anderem auch welche mit den Titeln „Nur Mut!“, „Begierde“, „Trauer“, „Einfach nur Spaß“, „Scham und Reue“, „Mitgefühl“, „Schmerz“ und „Angst“.

Das Thema „Schmerzen“ hinterfragt Peter Wohlleben besonders. So berichtet er unter anderem von der Forscherin Victoria Braithwaite von der University of Oxford. Ihr gelang mit Hilfe von Tests der Nachweis über zwanzig Schmerzrezeptoren in der Maulzone von Fischen. Stiche in diesem Bereich lösen Reaktionen im Endhirn aus. Genau dort werden auch beim Menschen Schmerzreize verarbeitet. Das führt Wohlleben zu dem Schluss, dass Verletzungen, zum Beispiel durch Angelhaken, Fische leiden lassen.

Auch Fische kennen Angst und Schmerzen

Auch ein Angstzentrum, ähnlich unserer Amygdala, wurde in den Gehirnen von Fischen entdeckt. Ebenso, wie das Glückshormon Oxytocin, welches beim Menschen unter anderem die Mutterliebe und die Liebe zum Partner stärkt. Warum Wohlleben daraus keine Schlüsse zieht, bleibt unklar.

Der Autor stellt sich unter anderem auch die Frage, warum Menschen Tiere züchten. Zunächst als Helfer für die Jagd wurden Hunde immer kleiner gezüchtet, manche von ihnen haben nur aus einem Grund körperliche Gebrechen, damit wir sie mit ihren kurzen Nasen und großen Augen noch niedlicher finden. Leider spricht Wohlleben hier lediglich von einem „leichten bitteren Nachgeschmack“ und findet die schnarchende Französische Bulldogge, um die er sich immer mal kümmert, dann doch „einfach süß“. Doch dazu später mehr.

Im Kapitel „Dumme Sau“ beschreibt Wohlleben auf knapp fünf Seiten, wie es zum Schicksal unserer Zuchtschweine kommen konnte und wie wahnsinnig intelligent diese Tiere sind. Um uns die Jagd zu ersparen, züchteten wir sie so, dass wir jederzeit auf ihr Fleisch zurückgreifen können. Dabei zwangen wir sie nach und nach immer mehr, ihr natürliches Verhalten zu unterdrücken. So trennen Schweine in freier Wildbahn beispielsweise Schlafplatz und Toilette strickt von einander. Allgemein legen sie großen Wert auf Reinlichkeit.

Sie erkennen auch ihre entferntesten Verwandten bei einem Aufeinandertreffen umgehend. Ihre festen Schlafstätten passen sie der Witterung an. Weil pro Jahr rund 650.000 Wildschweine in ihren natürlichen Lebensräumen erschossen werden, stellten die eigentlich tagaktiven Tiere ihren Lebensrythmus um, um die Dunkelheit zu ihrem Schutz zu nutzen.

Die Muttersau als Hebamme

Eine kleine Geschichte, die mich fast zu Tränen gerührt hat, berichtet von Professor Johannes Baumgartner von der Veterinärmedizinischen Uni in Wien. Eine Muttersau, die in ihrem Leben 160 Ferkel zur Welt gebracht und ihnen gezeigt hatte, wie man ein Nest aus Stroh baut, half ihren erwachsenen Töchtern, sich auf die bevorstehende Geburt vorzubereiten. Sie war eine Hebamme geworden.

Der Autor schlussfolgert nach dieser Geschichte:

„Wenn die Forschung so viel über die Intelligenz von Schweinen weiß, warum setzt sich dieses Bild schlauer Borstentiere nicht in der Öffentlichkeit durch? Ich vermute, es hängt mit der Verwendung von Schweinefleisch zusammen. Wenn jedem klar wäre, was für ein Wesen er da auf dem Teller hat, dann würde vielen der Appetit vergehen. Ähnliches kennen wir ja von Primaten: Wer von uns würde schon Affenfleisch essen?“

Ein Kapitel beschäftigt sich mit dem Schwarz-Weiß-Denken der Menschen. Der Autor hinterfragt darin, warum wir unser Interesse für tierische Gefühle auf bestimmte Arten beschränken. Wir teilen die Welt in „Nützlinge“ und „Schädlinge“ ein, ohne das große Ganze zu beachten und all das Grau zwischen dem Schwarz und dem Weiß zu bewundern.

Wie kommen wir eigentlich auf die Idee, die Intelligenz von Staaten bildenden Insekten, Zugvögeln, in Clans lebenden Säugetieren und in der Tiefe überlebender Meeresbewohner in Frage zu stellen? Sind wir noch ganz bei Trost? Warum essen wir neugierige, liebevolle Schweine und keine treuen, neugierigen Hunde? Wir sollten unser Handeln definitiv hinterfragen. Soviel steht fest.

„Das Seelenleben der Tiere“ – pro und kontra

Liebe, Trauer und Mitgefühl – das alles sind Gefühle, die nicht nur uns Menschen zustehen. Und das sollten wir begreifen lernen. Nur das kann langfristig dazu führen, dass wir Tiere besser behandeln und sie nicht mehr systematisch missbrauchen und ausbeuten.

Dabei gibt es immer Luft nach oben und es gibt einiges, das meine Meinung von der des Autors unterscheidet. Für mich zählt eben auch dazu, dass man Haustiere adoptiert, statt sie zu kaufen, Müll vom Strand aufsammelt, sich um den Schutz der Wildbienen kümmert, statt sich mal eben einen Bienenstamm zu kaufen und aufs Reiten, Leder, Pelze und Wolle verzichtet. Ein kleiner Anfang wäre auf jeden Fall schon mal, das Fleischessen einzustellen. Nur mal so als Idee. Aber: Wer sich schon mal mit dem Seelenleben der Tiere beschäftigt, hat auf jeden Fall schon einen guten Anfang gemacht. Einen Schritt in Richtung weniger Tierleid.

Schweine lieben ihre Kinder, Meisen handeln selbstlos, Biber suchen sich einen Partner fürs Leben, Kühe vermissen ihre Kälber, Krähen amüsieren sich gerne und Tauben können zählen. Das ist nur die Spitze des Eisberges. Noch längst haben die Forscher nicht alles zu Tage gefördert. Es gibt noch so einiges zu entdecken und herauszufinden und während wir das tun, sollten wir Respekt haben. Respekt vor allem Leben, ob gefiedert, mit Schuppen, Flossen, Flügen, Fell, Schnabel oder Schnauze.

Schaut mal, wie viel Spaß die Krähe im Video beim Rodeln hat. Da stockt einem der Atem, oder?

Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass Tiere Gefühle haben. Leider ist es jedoch auch in unserer heutigen Zeit noch an der Tagesordnung, dass sie von uns ignoriert, ausgebeutet und gequält werden.  Hier setzt Peter Wohllebens Buch an. Die knappen Kapitel sind kurzweilig erzählt. Anekdoten aus Wohllebens Alltag als Forstwirt und Tierfreund lockern es auf und regen zum Weiterlesen an.

Tierethik geht anders

Leider ist die Perspektive, aus der er die Tierwelt betrachtet, doch eine recht spezistische. Er spricht sich zwar, wie bereits erwähnt, gegen das Schwarz-Weiß-Denken aus und stellt die Frage, warum, wir Schweine essen und Affen verschonen, lässt diese jedoch offen. Aus seiner Sicht ist es natürlich, dass es Nutztiere gibt. So sagt er zum Beispiel:

„Keine Sorge, ich rufe nicht zu einem Frühstück in Moll und einem Abendessen mit Widerwillen auf – unsere Stellung in der biologischen Welt ist wie die vieler anderer Arten durchaus mit dem Recht verbunden, andere Wesen zu nutzen und auch zu verspeisen, da wir nun mal keine Fotosynthese betreiben können. Mein Wunsch ist vielmehr, dass ein wenig mehr Respekt im Umgang mit unserer belebten Mitwelt einkehren möge, seien es Tiere oder auch Pflanzen. Die Nutzung von Tieren würde sich erheblich erschweren, würden bei jeder Mahlzeit oder jeder Lederjacke moralische Bedenken unser Vergnügen trüben.“

Für mich als ethische Veganerin war das beim Lesen zunächst erst mal ein Schock. Ich habe mir sogar ein paar Mal überlegt, das Buch zur Seite zu legen. Insgesamt kann ich jedoch sagen: Für Menschen, die sich bisher nur wenig oder gar nicht mit der Thematik auseinandergesetzt haben, ist es bestimmt ein guter Einstieg. Allerdings würde ich mir auch für Wohlleben wünschen, dass er in Zukunft seinen Horizont noch etwas erweitert. Nachdem ich von dem sehr einfühlsamen Buch „Das geheime Leben der Bäume“ so vollkommen begeistert war, enttäuscht mich dieses nun leider etwas.

„Ein wenig mehr Respekt“ rettet nicht vor der Schlachtbank

Im Hinblick auf Tierethik ist es leider nicht vertretbar. Wenn wir nur „ein wenig mehr Respekt“ gegenüber Tieren haben, werden wir weder etwas gegen Legebatterien und das Schreddern von Küken noch gegen Tierversuche, Pelzfarmen und Tiertransporte tun. Wenn wir weiter Haustiere zu unserem Vergnügen züchten, hilft das den Millionen von Straßenhunden auch nicht weiter. Die Tierheime werden immer voller und jedes Jahr kommt wieder eine neue „Moderasse“ dazu.

Grundsätzlich hätte ich persönlich mehr vom Buch erwartet. Taucht man schon so tief in die Materie ein und stellt fest „Ja, Tiere haben Angst und Schmerzen, können Liebe und Ekel empfinden, trauern und sich freuen“, sollte man meiner Meinung nach auch seine Schlüsse ziehen. Für mich hat Tierethik sehr viel mit Empathie zu tun. In ein lebendes Wesen, das Leid empfindet sollte man sich heinein versetzen. Von diesem Standpunkt aus noch auf Nutztierhaltung und den Konsum von Produkten tierischer Herkunft zu bestehen, finde ich traurig.

Insgesamt habe ich aus „Das Seelenleben der Tiere“ einiges über das Verhalten verschiedener Tiere gelernt. Wohllebens Fazit gefällt mir persönlich nicht. Veganer*innen kann ich es nicht empfehlen, jedoch kann ich mir durchaus vorstellen, dass es für Einsteiger ins Thema interessant sein kann. Vielleicht bringt es ja auch auch den*die ein oder andere*n dazu, die Welt ein bisschen anders zu sehen. Mal sehen, ich werde in Kürze ein Buch mit einem ganz ähnlichen Titel lesen, es liegt hier schon vor mir. Ich bin schon gespannt, ob es mich etwas mehr abholt (Nachtrag: Das Buch hat mich mehr abgeholt. Es trägt den Titel „Das Gefühlsleben der Tiere“ und ist von Marc Bekoff. Meine Rezension findet Ihr hier).

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