Haruki Murakami ist einer meiner absoluten Lieblings-Autoren. Seine Bücher inspirieren mich sehr. Ich liebe seine Geschichten und werde nicht müde, darin zu schmökern.

Unter dem Titel „Von Beruf Schriftsteller“ ist eine Sammlung seiner Essays erschienen. Das Werk erfüllt mich mit Hochachtung. Es ist eigentlich als seine Autobiografie zu betrachten, auch wenn der bescheidene Murakami es nicht so nennen würde. Im Buch gibt er Einblicke in sein Leben, seine Gedankenwelt und seine Ideen zum Thema Literatur.

Er zeigt, worin seine tägliche Arbeit als Buchautor besteht und woraus er seine Kreativität und Kraft schöpft. Im ersten Kapitel beschäftigt er sich mit den für Autor*innen typischen Wesenszügen. Besonders interessant ist dabei seine Erkenntnis, dass die meisten Schreiber*innen über einen sehr eigenen Charakter verfügen und gerne mal zu seltsamen Angewohnheiten neigen, wodurch sie nicht selten einsam sind. Freundschaftliche Beziehungen zwischen Schriftsteller*innen hält er für schwierig, da es sich um einen eher egoistischen Menschenschlag mit einem ausgeprägten Konkurrenzbewusstsein handle.

Spannende Details

Er beschäftigt sich auch mit dem Phänomen, dass ein/ Schriftsteller*in, der/die sich in einer anderen Kunst versucht, im ersten Moment nur Spott erntet, bei einem Maler oder Schauspieler, der sich an einem Roman versucht der Applaus in den meisten Fällen jedoch schon vorprogrammiert sei.

Ganz nebenbei erfährt man spannende Details über Murakami. Zum Beispiel widmet er sich seit mehr als dreißig Jahren mit großer Begeisterung der Übersetzung angelsächsischer Literatur.

Er wartet mit spannenden Beispielen auf und erzählt von Begegnungen aus seinem Leben. Neulingen gibt er den klaren Tipp:

„Man muss ins kalte Wasser springen und sehen, ob man schwimmt, oder untergeht. Es klingt vielleicht brutal, aber nur so lässt es sich herausfinden. Auch, wer keine Romane schreibt, kann ein glückliches, erfülltes Leben führen. Wer jedoch schreiben will, oder nicht anders kann, der schreibt. Und schreibt immer weiter.“

Als besonders wichtig erachtet er es außerdem, so viel wie möglich zu lesen, um ein Gefühl für Sprache zu entwickeln. Auch das genaue Beobachten seiner Mitmenschen ist für ihn eine wichtige Übung, möchte man Schriftsteller*in werden.

„Sollten Sie beschlossen haben, zu schreiben, schauen Sie sich aufmerksam in Ihrer Umgebung um. Die Welt mag langweilig wirken, doch in Wirklichkeit wimmelt es auf ihr von magischen, geheimnisvollen Rohdiamanten, die darauf warten, geschliffen zu werden. Schriftsteller sind Menschen, die einen Blick dafür haben, sie zu finden.“

Aufsätze aus „Resten“

Eine seiner persönlichen Angewohnheiten finde ich persönlich besonders spannend. Sobald er einen Roman fertig geschrieben hat, beginnt er mit dem „übrig gebliebenen“ Material Aufsätze zu schreiben.

Kennt Ihr auch diesen Moment des Schocks? Ihr habt einen langen Text endlich fertig, schließt das Dokument und wenn Ihr es am nächsten Tag wieder öffnen möchtet, ist alles weg. Gelöscht. Nichts mehr da. Auch dazu hat Murakami eine Anekdote auf Lager. Als er Ende der 1980er das erste Mal mit einem Computer arbeitete, speicherte er beim Umzug nach London ein Manuskript auf einer Diskette. Als er sie in seinem neuen Zuhause öffnen wollte, war sie leer.

Er schaffte es anschließend nicht nur, sich wieder aufzurappeln, sondern auch noch den kompletten Text aus dem Gedächtnis neu zu schreiben. Nachdem ihm das gelungen war, tauchte der ursprüngliche Text, der lediglich in den verkehrten Ordner gerutscht war, wieder auf. Er fragte sich ängstlich, was er wohl machen würde, wenn die alte Version die bessere war. Doch als er sie las, stellte er fest, das sich der Schreck und die Arbeit gelohnt hatten. Der neue Text gefiel ihm besser.

Eine tolle Geschichte, oder? Mich motiviert sie sehr. Ich finde, sie macht Mut, niemals aufzugeben. Wenn mal etwas nicht wieder auftaucht, seien es Texte, Fotos oder ein Bild, das man gemalt hat: Man hat die Chance, es nochmal zu versuchen und es dieses Mal sogar noch besser zu machen.

Haruki Murakami schreibt am liebsten in seinem Arbeitszimmer

Schreiben ist für den Schriftsteller eine sehr persönliche Tätigkeit, die er am liebsten zurückgezogen in seinem Arbeitszimmer ausübt. Große Teile seines Romans „Naokos Lächeln“ hätte er jedoch zum Beispiel auch in römischen Cafés mit einem BIC-Kugelschreiber in billige Schreibhefte „gekritzelt“, berichtet er in Kapitel 7.

Seine schöpferische Kraft zieht er unter anderem aus körperlicher Betätigung. So versucht er jeden Tag eine Stunde zu laufen oder zu schwimmen. Er wird nicht müde, seine Dankbarkeit dafür zu betonen, dass er sich seinen Lebenstil mit eigenem Arbeitszimmer, gesunder Ernährung und Sport, wann immer er Lust zu dazu verspürt, leisten kann.

Geboren und aufgewachsen in Osaka-Kobe zieht er Ende der 1960er nach Tokio, wo er an der Waseda Universität studiert. Die Studentenunruhen haben zu dieser Zeit gerade ihren Höhepunkt erreicht. Er jobbt im Rotlichtviertel, lernte die verschiedensten Menschen kennen und liest, wie in seiner Schulzeit, zahllose Bücher. Nach seine, Studium, während dem seine Frau und er teilweise jeweils drei Jobs haben, eröffnen die beiden im Jahr 1974 gemeinsam ein Lokal am Stadtrand von Tokio.

Bei einem Baseball-Spiel im Jingu-Stadion trifft er die Entscheidung seines Lebens. Noch am selben Tag geht er in ein Schreibwarengeschäft und ersteht eine Sailor-Schreibmaschine und einen Stapel Manuskriptpapier. Im Alter von 30 Jahren schreibt er seinen ersten Roman „Wenn der Wind singt“. Er wird dafür mit dem Nachwuchspreis der Literaturzeitschrift Gunzo ausgezeichnet. Seither hat er den Tasten nicht mehr abgeschworen.

Ein Schriftsteller findet seinen Stil

Seinen Stil findet er, indem er seine Texte zunächst auf Englisch schreibt und sie anschließend in seine Muttersprache Japanisch übersetzte. Die dadurch „abgespeckte“ Sprache fasziniert ihn und bestärkte ihn in seinem Entschluss, weiterzumachen.

Sein Talent, Dinge klar in Worte zu fassen, beweist er auch in „Von Beruf Schriftsteller“ erneut. Den Begriff „Originalität“ beispielsweise beschreibt er anhand eines Erlebnisses, das er als Kind mit den Beatles hatte.

„Als die Beatles ihren Durchbruch hatten, war ich fünfzehn Jahre alt. Ich glaube, der erste Beatles-Song, den ich hörte, war ‚Please Please Me‘ und ich weiß noch, dass ich Gänsehaut bekam. Warum? Weil es sich um einen Sound handelte, den ich bis dahin noch nicht gehört hatte. und der überdies so wahnsinnig gut klang.“

Musik motiviert

Allgemein fühlt sich Murakami in der Musik sehr zu Hause. Besonders der Jazz hat es ihm schwer angetan. Aber auch die Populärmusik sowie klassische Kompositionen finden immer wieder Erwähnung auf den 233 Seiten des Buchs. Doch nicht nur das macht den Angehörigen der 68er-Generation mehr als sympatisch.

„Wenn ich eine Zeit lang nichts mehr geschrieben habe, ergreift mich der Drang, mir allmählich wieder etwas vorzunehmen. In mir sammelt sich Stoff für etwas, das ich ausdrücken will, wie Schmelzwasser an einem Damm. Eines Tages kann ich es nicht mehr aushalten, setze mich an meinen Schreibtisch und fange einen Roman an. Dass ich schreiben muss, obwohl ich keine Lust dazu habe, kommt bei mir nicht vor.“

Ich persönlich hoffe, dass das noch lange so bleibt, und wir noch zahlreiche Werke des Japaners lesen dürfen.

„Von Beruf Schrifsteller“ ist im Jahr 2015 unter dem Titel „Shokogyo toshite no shosetsuka“ bei Switch Publishing, Tokio erschienen. Bei der mir vorliegenden Ausgabe handelt es sich um ein Exemplar der zweiten Auflage von 2016, erschienen im DuMont Buchverlag, Köln. ISBN 978-3-8321-9843-5

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