In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist der Résistance-Kämpfer und KZ-Überlebende Stéphane Frédéric Hessel  im Alter von 95 Jahren gestorben. Hessel setzte sich Zeit seines Lebens für die Menschenrechte ein. Er ist vor allem als Stimme gegen den Finanzmarkt-Kapitalismus bekannt geworden.

Weltberühmt wurde der Antifaschist durch sein 2010 veröffentlichtes, zorniges und zugleich charmantes Essay Empört Euch!“ (französischer Originaltitel Indignez-vous!), das schnell zum Bestseller wurde. In seinem Werk geht er gekonnt auf die negative Entwicklung der politischen Gegenwartsentwicklung ein und ruft damit zum politischen Widerstand, gewaltloser Revolte und zivilem Ungehorsam auf.

Er kritisiert darin im Besonderen die Finanzkrise und die damit einhergehenden verheerenden Auswirkungen auf die Menschheit. Das Essay hatte in der Tat großen Einfluss auf die folgenden politischen Protestbewegungen, besonders in Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland gezeigt. Nicht wenige Proteste, die  in den letzten Monaten stattfanden, berufen sich auf seine Ausführungen.

In Berlin geboren, in Frankreich aufgewachsen

Hessel wurde 1917 in Berlin noch unter dem Namen Stefan Hessel, als Sohn deutscher Intellektueller geboren. Bereits sein Vater, Franz Hessel, machte sich als Schriftsteller einen Namen. Seine Mutter war die Journalistin Helen Grund.

Im Alter von sieben Jahren zogen seine Eltern mit ihm und seinem Bruder Ulrich nach Frankreich, wo er sich 1941 der Résistance anschloss. 1944 verschleppte ihn die Gestapo. Er wurde gefoltert und in das KZ Buchenwald gesteckt. Der von den Nazis zum Tode verurteilte Hessel schaffte es nur, zu überleben, da ein Kapo ihm die Identität eines kurz davor verstorbenen Mithäftlings verschaffen konnte. Unter dem Namen Michael Boitel wurde er schon bald in das Außenlager Rottleberode und kurz darauf nach Mittelbau-Dora gebracht. Als er am 6. April 1945 nach Bergen-Belsen deportiert werden sollte, gelang ihm die Flucht aus dem Zug.

Bild: Anne Reko 6/2012

Bild: Anne Reko 6/2012

In seinem Leben begegnete Stéphane Frédéric Hessel  immer wieder interessanten und einflussreichen Menschen. Unter anderen durfte er Picasso, Max Ernst, Walter Benjamin und Charles de Gaulle zu seinen Bekannten zählen.

Letzteren lernte er durch sein Engagement in der Résistance kennen. Gemeinsam spielten sie eine nicht unerhebliche Rolle in der deutsch-französischen Versöhnung zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Hessel startete nun eine Karriere als Diplomat der Vereinten Nationen. Unter anderem war er maßgeblich an der Ausarbeitung der UN-Menschenrechtscharta beteiligt. Stets mit einem Lächeln „bewaffnet“ kämpfte er unermüdlich gegen die Ungleichverteilung des Reichtums. Bis kurz vor seinem Tod war er politisch immer sehr engagiert. Noch 2012 unterstützte er François Hollande bei seinem Wahlkampf. Dieser würdigte ihn gestern als Humanisten, engagierten Europäer und brillanten Diplomaten.

Stéphane Hessel zeigte den Menschen, dass keine Ungerechtigkeit einfach hingenommen werden darf. Ein wichtiger Wegweiser in diesen Zeiten.

Empört Euch!

Nicht nur die Protestschrift „Empört Euch!“ stammt aus Hessels Feder. Auch der Gedichtband  „Ô ma mémoire – Gedichte, die mir unentbehrlich sind“ zählt zu seinen Werken. Außerdem verfasste er einen Lebensbericht mit dem Titel „Tanz mit dem Jahrhundert“, der seit Jahren vergriffen ist. Weshalb er auch gerne als „Poet des Widerstands“ bezeichnet wird.

Auf die Frage, ob er den Tod fürchten würde, soll Hessel einmal geantwortet haben: „Nein, überhaupt nicht.“ Er fürchtete nur körperliches Leid und Demenz. Er bezeichnete den Tod als solchen als einen zweiten Schlaf. „Der erste war vor meiner Geburt, der nächste wird meine fernste, abenteuerlichste Reise, auf die ich mich freue.“

Literaturtipps:

  • „Ô ma mémoire – Gedichte, die mir unentbehrlich sind“ von Stéphane Hessel ISBN-10: 3899781244 Grupelo-Verlag, broschiert, 346 Seiten, 22,90 €, ins Deutsche übersetzt von Michael Korgon
  • „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel, ISBN-10: 3550088833, Ullstein-Verlag, broschiert, 3,99, ins Deutsche übersetzt von Michael Korgon
Bild: Anne Reko 6/2012

Bild: Anne Reko 6/2012

Quellen: Wikipedia, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel