Hinweis: Hin und wieder schreibe ich Kurzgeschichten. Ab und an landet auch eine davon hier im Blog. Diese hier ist eine davon. Jede Ähnlichkeit der in dieser Geschichte vorkommenden Figuren und Handlungen mit real existierenden Personen oder Vorkommnissen ist rein zufällig und in keiner Weise beabsichtigt. Die Geschichte ist frei erfunden.


Bild: Anne 3/2012

Bild: Anne 3/2012

Vor Dir sitzt ein quengelndes, zappelndes, kaugummimampfendes Kind und spielt bei voll aufgedrehter Lautstärke ein Kampfroboterspiel auf seiner blinkenden Mitnahmespielkonsole. Hinter Dir treten zwei nicht minder zappelige, völlig überdrehte Noch-Teenies gegen Deinen Sitz, finden alles total spannend und lästern seit Stunden lautstark über ihre eigentlich allerbeste, gemeinsame Freundin, die ja so unglaublich „assi“ ist und Eigenschaften hat, die  „krass zum Kotzen“ sind.

Der Vielflieger auf dem Platz schräg gegenüber nimmt alles betont gelassen, verdreht seine Augen um gefühlte 360 Grad, stopft sich die Kopfhörer seines Designer-Musikspielers bis zum Anschlag in die Gehörgänge und nimmt einen tiefen Schluck aus seinem silbernen Flachmann, den er aus seinem Vorschrifts-Kosmetik-Gefrierbeutelchen zieht.

Ein paar Reihen vor Dir erkennst Du eine der Omas wieder, die sich vorhin schon eine Stunde vor dem Boarding in einer langen Schlange vor dem Schalter aufgebaut hatten. Entsetzt krallt sie sich an ihrem „Goldenen Blatt“ fest und starrt aus dem Fenster. Ihr Mann, ein untersetzter grauer, mit einer großen, achzigerjahrebunten Bauchtasche ausgestatteter Herr in Knickerbockern und Hawaiihemd, erzählt in einer durch den kompletten Flieger hörbaren Lautstärke, eine lange, sehr unspannende Geschichte aus seiner Jugend, ohne dabei auch nur ansatzweise zu bemerken, dass seine, zwischen ihm und dem Fenster eingepferchte Frau offenbar ein Problem hat.

Sein Gebrüll mischt sich mit dem eines scheinbar unglaublich engagierten Medizinstudenten, der alles, was er während seines bisher drei Monate andauernden Studiums gelernt hat, lautstark mit den beiden gutbebusten wasserstoffblondierten Erasmussemesterreisemädchen in seiner Sitzreihe teilen muss. Eine der beiden scheint sehr beeindruckt zu sein, sie fällt der Anderen jedes Mal, wenn sie eine kurze Zwischenfrage wagt, ins Wort und erzählt, dass ihr ja „genau sowas auch schon mal passiert ist, damals in Neuseeland, was für ein Zufall!“

Fast sanft klingt dagegen das bereits dreißig Minuten andauernde Schreikonzert des Säuglings, der etwas weiter hinten seine Eltern auf Trapp hält. Seine Duftnote breitet sich, langsam aber stetig wabernd, über die gesamte Kabine aus.

Als sich das Zeichen zum Anschnallen erst durch die quäkende Lautsprecheransage des Piloten, dann durch das flirrende Blinkstakkato  der defekten Leuchtanzeige über Deinem Kopf bemerkbar macht, ist es so weit. Gerade nimmst Du noch aus dem Augenwinkel wahr, wie die betagte Lady mit dem „Goldenen Blatt“ ihrem Göttergatten in einem sanften, sich stetig ergießenden Strahl in den Tweetschoß bricht, da hast Du endlich Deine Kopfhörer gefunden.

Kaffeekasse

Ich hoffe, Ihr hattet beim Lesen der Geschichte Spaß. Ich habe sie frei zum Lesen ins Netz gestellt, um den Besucher*innen meines Blog ein paar kurzweilige Minuten zu schenken. Wer mir dafür gerne einen Kaffee spendieren möchte, kann das über meinen Paypal-Me-Link tun:

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