„Junge, Du musst vorbeikommen, ich habe das Internet gelöscht!“

Seitdem es das Internet gibt, kommt immer wieder die Diskussion über Klarnamen auf. Durch die Ereignisse in Norwegen kocht die Debatte nun wieder hoch. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ist für eine Aufhebung der Anonymität im Internet und fordert: „Blogger sollen künftig mit offenem Visier argumentieren.“

Facebook und  Google+ haben eine Klarnamenpflicht in Ihre AGB aufgenommen. Die TAZ berichtete heute über das „Vermummungsverbot im Internet“:

http://taz.de/Streit-der-Woche/!75939/

Bereits einige Minuten nach Erscheinen des Artikels war eine heftige Kommentar-Debatte entbrannt, nachzulesen unter dem Artikel. Natürlich wird nicht nur auf der Seite der TAZ debattiert. Hier ein Gespräch unter Freunden:

Anne: Kommentar Max Mustermann: 09.08.2011 13:53 Uhr
„Ich glaube, hier hat jemand noch nicht so ganz verstanden wie das Internet funktioniert. Nämlich dezentral. Hier verdrängt man mit einem Verbot von Pseudonymen Opfer und Freigeister in den Bereich der Illegalität, denn verhindern kann man Masken im Internet nur mit Persokontrolle. Und ja, klar, als linker Blogger im Nazi-Viertel möchte ich unbedingt, dass jeder weiß wo ich wohne. Gibt es nicht auch Pseudonyme für Buchautoren und Reporter?“ *

WORTGEWAGT: Fehlt nur noch die Sicherheitsmaßnahme, Kameras, ähnlich Webcams, in jeden Computer einzubauen, mit dem heißen Draht zur CSU. Dabei könnten eigentlich auch direkt die PC-Nutzer selbst noch beim Kauf mit Schnüffelchips versehen werden. Immerhin haben die schon Mülltonnen und Kleidung, warum also nicht auch der Mensch!

Anne: Kommentar Stadt Kind:
„Warum tragen wir nicht gleich alle Namensschilder in Schriftgröße 48 und Schriftart Arial?“*

T.:  Warum werden Missbrauchsopfer an gleicher Stelle erwähnt wie der indirekt genannte Troll? Ich vermute mal, dass die journalistisch mäßige Arbeit (einzig als Hinweis darauf dass Innenmister Friedrich fordert) dem Aufruf zur Samstags-Kommentaraktion dient. Die Überlegung an sich ist in vielerlei Hinsicht notwenig und hat ja mit Überwachungsstaat erstmal nichts zu tun. Allerdings stört mich dabei die wehemente Überzeugung eines Einzelnen aus Willen zum Protest. Wieso ist es so schwierig in Pro und Contra aufzuteilen, auch um seinen eigenen Standpunkt zu reflektieren? Notwendig, weil gegen rechtsfreien Raum. Notwendig, weil ich dabei trotzdem anonym bleiben muss. Wie geht das also zusammen?

Anne: Mit Sicherheit haben beide Seiten ihre Argumente. Schwarz-Weiß-Denken hat noch nie wirklich etwas gebracht. Sicherlich muss man seine Meinung auch immer reflektierend betrachten. Doch sehe ich das Internet als das wichtigste Instrument der freien Meinungsäußerung in der heutigen Zeit. Sicher, es gibt auch schwarze Schafe, die es gnadenlos für ihre Propaganda nutzen (siehe Norwegen), wer jedoch z. B. die Demonstrationen in Ländern wie Ägypten und Libyen verfolgt hat, sieht auch ganz klar die Wichtigkeit dieses Mediums und zwar genau in dieser Form. Manchmal kann es sehr wichtig sein, seine Meinung kund zu tun und das auch anonym. Mit Klarnamen wären einige wirklich wichtige Aktionen ganz klar nicht möglich gewesen. Nicht ohne Grund benennen heute Menschen aus Staaten in denen das Volk unterdrückt wird/wurde ihre Kinder nach sozialen Netzwerken. Und wie Herr Mustermann das in seinem Kommentar schon sehr treffend schreibt: Als Blogger möchte man nicht immer, dass alle über den Namen den Wohnort ermitteln können. Nicht jeder trägt einen Allerweltsnamen wie Sabine Maier und Sebastian Huber. Anonymität ist eben auch ein wichtiger Schutz. Auch z. B. im Chat oder auf diversen „Kennenlern-Seiten“. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch die beste Möglichkeit für Trolle, ihr Unwesen zu treiben. Allerdings möchte ich als Blogger schon sehr gerne meinen Künstlernamen behalten und ich denke ich spreche hier im Namen einiger: Sollte sich ein irrsinniges Gesetz dieser Art tatsächlich durchsetzen, würde ich sämtliche Aktivitäten sofort einststellen und meine Texte in Zukunft nur noch auf Blöcke, nicht mehr aber in Blogs schreiben. Natürlich ließe sie solche ein Gesetz auch niemals auf nationaler Ebene vereinbaren, da das Netz ja glücklicherweise weltweit ist.

T.:
 …Politiker: Phrasen, Rhetorik…

Anne: Zum Glück bin ich  kein Politiker und bin nicht gezwungen einzulenken. Ich würde sicher schon nach einem Tag einem Herzanfall erliegen. Meine Meinung nach, würde eine solche (nicht durchführbare) Gesetz-Situation bedeuten, alles gleichzuschalten, die Menschheit einem großen Stück Ihrer Freiheit und Vielfalt zu berauben und sie immer mehr in ihrer allgemeinen, immer weiter verbreiteten, mehrheitlichen Meinung bestärken, dass es sowieso besser ist, seine Einstellung/Neigung/Meinun​g für sich zu behalten, mitzulaufen und alles so zu machen wie es vorgekaut und in mundgerechten Happen serviert wird. Ein Bisschen erinnert mich das an George Orwellls „1984“, ein Bisschen leider auch an Aktionen wie die Bücherverbrennungen im Dritten Reich. In einer Gesellschaft, in der keine Meinungsäußerung und kein Informationsaustausch mehr möglich ist, können sich sehr schnell sehr ungute Dinge entwickeln.

T.:  Ich sehe das Problem „Internet“ bzw. Netzpolitik an sich schon seit Langem. Allerdings mehr in der kulturellen Hinsicht. (was ist Kunst etc.) Das Pferd muss also von hinten aufgezäumt werden, heißt: Sichtbar zu machen, wer sich wann mit Klarnamen anmeldet, ist technisch nur möglich (nach meinem Wissen), in dem wir dem Überwachungsstaat jetzt doch sehr nahe kommen, nämlich mittels IP-Adresse, Einwohnermeldeamt, oder eines neuen Verfahrens, das eigens dafür entwickelt werden müsste. Ehe es soweit kommen wird (das Thema wird sicher für weitere zehn jahre fallen gelassen, bis es auf Anstoß in der Gesellschaft stoßen kann und durchsetzbar wird) werden solche „Anonymous“ und andere Aktivisten einen Cyber-War auslösen, kann ich mir vorstellen.

Anne: Ganz genau, da liegt der sprichwörtliche Hund begraben. Ich (und ich gehe davon aus, auch der Autor des TAZ-Artikels) habe das vorausgesetzt, dass derartige „Werkzeuge“ nötig sind, um ein „Klarnamen-Internet“ durchzusetzen. Erstens würde es wohl Jahrzehnte dauern, bis das Ganze an den Start gehen könnte, zweitens würde es (hoffentlich) Protestaktionen ungeahnten Ausmaßes lostreten und drittens wäre es sicher nahezu unmöglich, das komplette Internet auseinanderzuklamüsern und „unter Kontrolle zu bringen“. Alleine die Überlegung bestimmter Politiker jedoch, so etwas durchsetzen zu wollen, sollte einem zu denken geben und die Menschen ermahnen, dass es wichtig ist, sich mit derartigen Themen auseinanderzusetzen („Nein, Eure Suppe ess´ ich nicht“), nicht alles als gegeben hinzunehmen, und vor allem auch immer wieder gut zu überlegen, wem man bei der Wahl seine Stimme gibt. Dass, was die Möglichkeiten des Internets im Allgemeinen betrifft, noch eine ungewisse, vielleicht auch dunkle Zukunft vor uns liegt, dürfte jedem klar sein. Ganz sicher muss damit äußerst vorsichtig umgegangen werden. Allerdings sollte man das Ganze viel sensibler angehen. Eine derartige „Lösung“ wäre mit Sicherheit ein Schritt in die ganz falsche Richtung. Ganz im Gegenteil, Politiker sollten (einige tun das ja auch schon ansatzweise) diese neue Subkultur (so neu ist sie inzwischen ja gar nicht mehr, ab und zu kommt es einem nur so vor, als hätten da ein paar Leute ein paar Jahre geschlafen) für sich nutzen. Sie einbeziehen und vor allem auch für voll nehmen. „Zusammenarbeit“, „Kooperation“ und „Diskussion“ sind denke ich drei Stichworte, denen in unserer heutigen Gesellschaft immer mehr Beachtung geschenkt werden sollte. Vielleicht sollten ja auch ein paar „graue Herren“ mal einen Internet-Workshop besuchen. „Neue Medien für Politiker“. Ein schöner Gedanke. Das erinnert mich an die ältere Dame in der (unglaublich nervigen) Kekswerbung, die zu ihrem Sohn sagt: „Junge, Du musst vorbeikommen, ich habe das Internet gelöscht!“ wink

Simon Sagt: Das Thema ist seit einiger Zeit am hochkochen und ich denke, dass das Internet durch diese Regularieren kaputt gemacht wird. Und wenn diese durchgedrückt werden, mit sämtlichen technischen Schikanen, dann wird es eben ein neues Netz geben, das von mir aus „Outernet“ heißen wird, das wieder frei sein wird. Ich denke, dass die Vorteile durch das Reglement nicht die Nachteile aufwiegen.
@cardamon82: Was würdest Du eigentlich machen, wenn sich das durchsetzt?

Anne: Ich würde alles löschen und aufhören zu bloggen. Ich würde aber auf jeden Fall weiterschreiben. Darauf kann ich nicht verzichten, das tue ich ja schon, seitdem ich einen Stift halten kann. Vielleicht würde ich dann Flugblätter von Brücken werfen, oder so… smile

*Die Kommentare von „Max Mustermann“ und „Stadtkind“ stammen von der Kommentar-Seite unter dem TAZ-Beitrag.

To be continued…

Link des Tages:

http://de.wiktionary.org/wiki/Klarname

Foto: Gerd Altmann pixelio.de

Foto: Gerd Altmann pixelio.de

Nachricht von Anonymus: Operation Facebook, Nov 5 2011

Video des Tages:

Tocotronic – Digital ist besser