Mit Björn vom Blog Gartenbaukunst* teile ich nicht nur die Liebe für tolle Gärten. Auch Streetart fasziniert uns beide gleichermaßen. Ihm gelang jetzt der Geniestreich, beides miteinander zu verbinden.

Die Idee dafür kam ihm, als er in einem Gartenbauverein eine Hütte entdeckte, die mit Graffitikunst verziert war. Seine Laube brauchte gerade einen frischen Anstrich und so machte er sich auf die Suche nach Künstler/innen, die sich ihrer annehmen würden.

Man war sich gleich sympatisch

Über Instagram schrieb er verschiedene Artists an. art.leni** und de_ork*** fanden seinen Plan gut und machten mit. Man traf sich im Schrebergarten, fand sich auf den ersten Blick sympatisch und es wurde nach Herzenslust gemalt.

Nachdem das Gesamtkunstwerk in seiner Laube fertig war, kam ihm der Gedanke, über seinen Blog eine weitere Anfrage zu starten:

„Meine Idee besteht darin, die Geschichten hinter den Bildern zu erzählen bzw. erzählen zu lassen. Im Prinzip möchte ich die Motive weiterreichen und durch Personen, die an deren Entstehung nicht beteiligt waren, mit einer individuellen Bedeutung oder dazugehörigen Geschichte versehen lassen.“

Weil ich bei solchen Aktionen immer gerne dabei bin und ich es liebe, mir Geschichten zu Bildern auszudenken, meldete ich mich kurzerhand bei Björn.

Das Motiv, über das ich meinen Kurztext verfasst habe, ist charakteristisch für art.leni. Man kann es so ähnlich überall in der Hansestadt finden. Die Farben durfte sich Björns dreijährige Tochter aussuchen. Auch der Familienhund wurde in das Bild übernommen.

Streetart begeistert Björn schon immer

Björn ist von Streetart begeistert, seit er das erste Mal welche gesehen hat. Sein Rücken und seine Oberarme ziert ein Bild, das von den Zonenkindern**** entworfen wurde. Sie arbeiten viel mit und in der Natur, was sie noch mehr mit Björn verbindet, der momentan übrigens selbst gerade an ein paar Stencil-Ideen arbeitet.

Die Unbeschwerte auf der Laubentür

Eine Kurzgeschichte

StreetartJanet lief durch den Park. Ganz unbeschwert. Das Wetter war schön. Es war angenehm warm. Ein mildes Lüftchen wehte durch die Pappeln am Wegesrand. In der Hand trug sie locker die Hundeleine. Charly braucht sie nicht. Er blieb immer in ihrer Nähe und blieb stehen, wenn sie stehen blieb. Ab und zu tollte er einem Schmetterling hinterher, doch danach war er gleich wieder an ihrer Seite.

„Es war ein schöner Tag.“, würde sie heute Abend in ihr Tagebuch schreiben. „Wir haben Meisen beobachtet und Eis gegessen. Danach habe ich mit Charly einen Spaziergang im Park gemacht.“
Der Park war schon immer da. Als sie klein war, hatte sie hier immer Eicheln und Kastanien gesammelt. Und bunte Blätter, die sie zu phantasievollen Bildern zusammengeklebt hatte. Es roch hier immer noch genauso, wie damals. Das machte sie glücklich.

Jedes Mal, wenn sie in den Park eintauchte, erhöhte sich vor Freude ihr Pulsschlag. Wie schön es hier draußen war. Frei von Sorgen, Ängsten und Smog. Keiner fragte nach, ob die Rechnungen schon bezahlt waren. Niemand schnitt einem mit dem Auto den Weg ab.

Ganz anders, als in der Stadt. Sie mochte die Stadt auch. Keine Frage. Schließlich war sie ihr Zuhause. Sie lebte darin und sie war ein Teil der Stadt, genau wie die Stadt ein Teil von ihr war. Dennoch. Hier im Park war es anders. Sie konnte den Alltag abstreifen. Sie selbst sein. Unbeschwert.

Was war das? Charly horchte auf, hielt in seinem Lauf inne. Ein Eichhörnchen. Sie lächelte. Es saß auf einem etwas dickeren Ast nicht weit von ihnen entfernt und knabberte an einer Nuss. Als es bemerkt, dass es beobachtet wurde, huschte es weiter hoch in Richtung Baumkrone. Sie schaute hinterher, bis es nicht mehr zu sehen war.

„Es war ein schöner Tag“, schrieb sie am Abend in ihr Tagebuch. Sie streichelte Charly, der in seinem Körbchen lag über den Kopf.

„Sei schön artig, mein Kleiner. Wenn wir morgen ein Bisschen Zeit haben, gehen wir wieder zusammen in den Park.“

Im Nebenraum hörte sie ihre Mutter schnarchen. Zum Glück war sie endlich eingeschlafen. Es konnte manchmal Stunden dauern, wenn sie einen dieser Schübe hatte. Tagsüber war sie müde. Manchmal schaffte sie es kaum vom Bett aufs Sofa. Und abends hatte sie dann Mühe einzuschlafen.

Sie hatte abgebaut in den letzten Monaten. Seit Janets Vater die Familie verlassen hatte, war es noch schneller gegangen. Es waren nicht nur die Schmerzen und dass sie ihre Hände fast gar nicht mehr bewegen konnte. Auch das Sprechen machte ihr inzwischen Mühe und immer wieder vergaß sie Dinge. Nicht nur, was man ihr erzählt hatte, auch so einfache Sachen wie, welcher Wochentag gerade war. Oder wie die Wahl ausgegangen war.

Janet machte sich Sorgen. Wie würde es in Zukunft weitergehen? Was würde passieren, wenn sie mit der Schule fertig war und ihre Lehre beginnen würde? Eines war klar: Sie würde weiterhin die Kraft aufbringen müssen, sich um ihre Mutter zu kümmern. Für sie zu kochen und ihr im Bad und beim Anziehen zu helfen. Mit den Rechnungen. Dem Amt. Der Post. Es gab so viel zu tun.

Klar, kam einmal am Tag die Pflegerin vorbei und sah nach dem Rechten. Sie war nett und Janet konnte ihr auch mal eine Frage stellen. Aber das war einfach zu wenig. Es musste einfach jemand rund um die Uhr da sein.

Sie hatte den Vertrag schon unterschrieben. Gegengezeichnet von ihrer Mutter. In einem Moment, in dem es ihr etwas besser ging. Die Ausbildung würde im nächsten Jahr losgehen. Soviel war sicher. Doch was war mit ihrer Mutter? Mit der Wohnung? Den ganzen Aufgaben, die auf sie warteten, wenn sie nach Hause kam? Mit diesen Gedanken schlief Janet ein.

Vogelgezwitscher. Ein Busch. Dicht verzweigt. Charly stürmt auf den Busch zu. Mit einem Satz. Ein ganzer Schwarm Meisen fliegt aus dem Busch auf. Kreischend. Fliegt in Richtung Parkausgang. Verlässt das Gelände. Die Treppen zur S-Bahn. Hoch auf den Bahnsteig.

Eine Bahn hält. Schnaufend öffnen sich die Türen. Der Meisenschwarm weht hinein. Flattert über einem Sitz in der Luft. Acht Haltestellen. Janet folgt ihnen. Allerdings scheint sie unsichtbar zu sein. Die Vögel nehmen sie nicht wahr.

Die Ecke kennt sie. Hier steigt sie immer aus, wenn sie mit Charly im Park war. Charly. Wo ist eigentlich Charly. Sie hat jetzt keine Zeit. Muss den Meisen folgen. Sie flattern die Straße entlang. Die Tür des Mietshauses, in dem Janet mit ihrer Mutter wohnt, öffnet sich.

Kurz fliegen die Vögel in Richtung Treppenaufgang. Dann scheinen sie festzustellen, dass es mit dem Aufzug schneller geht. Die Schiebetür öffnet sich und wie durch Zauberhand schießt er nach oben. Die Meisen fliegen den Laubengang entlang. Irgendwie scheinen es mehr zu sein, als gerade noch unter dem Busch. Bei genauem Hinschauen merkt Janet, dass es nicht mehr nur die Meisen sind. Andere Vögel haben sich ihnen angeschlossen. Spatzen. Amseln. Tauben. Sogar eine Möwe. Sie traut ihren Augen nicht.

Wie in Trance geht sie hinter der Vogelschar her. Die Tür zur Wohnung öffnet sich. Sie Vögel fliegen in Richtung Decke. Sie ist höher, als sonst. Heller. Das Licht strömt durch die ganze Wohnung. Die Vögel verschwinden. Als sie ihnen nachblickt, merkt Janet, dass da gar keine Decke mehr ist. Über ihr ist nur der blaue Himmel. Und ein paar Baumwipfel, hinter denen die Vögel jetzt einer nach dem anderen verschwinden.

In der Küche steht jemand am Tisch. Es ist ihre Mutter. Das goldene Haar umschmeichelt ihre Schultern. Sie ist elegant gekleidet. Trägt hochhackige Schuhe und eine Art Cape. Sie steht einfach da, ihrer Tochter den Rücken zugewandt. Jetzt scheint sie zu merken, dass jemand den Raum betreten hat. Sie dreht sich um um beginnt zu lächeln. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Kommt auf Janet zu und schließt sie in die Arme.

So fühlt sich Glück an, denkt sich Janet. Sie liegt in den Armen ihrer Mutter und atmet ihren Duft ein. So wohl hat sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.

Der Regen klopft gegen die Scheibe, als Janet aufwacht. Die Leuchtziffern des Weckers sprechen eine klare Sprache: Fünf Uhr dreißig. Zeit für die erste Runde mit Charly. Danach muss sie das Frühstück vorbereiten und ihre Mutter wecken. Die Rechnungen durchgehen und endlich den Brief für das Amt fertigmachen, damit sie ihn nachher auf dem Weg in die Schule gleich mitnehmen kann.

Sie steht auf, wirft sich ihren Jogginganzug und die Regenjacke über, steigt in die Gummistiefel und schnappt sich die Hundeleine. „Los geht’s, Charly! Eine Runde um den Block!“

Im Laubengang auf dem Geländer sitzt eine Meise. Das Mädchen lächelt. Sie denkt an den Park und an ihre glückliche Mutter.

„Mit dem Leben ist es wie mit einem Theaterstück; es kommt nicht darauf an, wie lang es ist, sondern wie bunt.“
Lucius Annaeus Seneca

*Bei der Streetart-Session im Schrebergarten sind noch jede Menge andere tolle Bilder entstanden. Bewundern kann man sie direkt auf Björns Blog.

**art.leni findet Ihr hier

***und de_ork hier.

****Auch die Zonenkinder sind auf Instagram vertreten.

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