Heute sitze ich hier auf den warmen Fliesen vor dem Hotel und lasse mir die Sonne auf den Pelz scheinen. Erst vorhin hatte ich ein reichhaltiges Frühstück mit Lachs, Käse, Reis und etwas Thunfisch. Es war so viel, dass ich sogar etwas für die alte graue Katze, die hier nachmittags immer kurz durch die Hecke schaut, übrig lassen konnte.

Das war nicht immer so. Heute geht es mir wirklich gut. Ich führe, um ehrlich zu sein, ein Leben in Saus und Braus. Der Koch legt mir jeden Tag ein königliches Mal auf ein Stück Tageszeitung. Zweimal. Morgens und abends. Die Auswahl ist jedes Mal überwältigend. Und alles ist extrem frisch und lecker. Reste, nennen die Menschen das. Für mich bedeuten diese Reste zweimal täglich ein Festmahl.

Einmal hat mich der nette Koch sogar zum Tierarzt gebracht. Das war, als ich hier aufgeschlagen bin. Mir ging es nicht gut. In meinen Eingeweiden tobten seit Tagen schreckliche Krämpfe und ich wog nur noch etwa so viel wie eine leere Papiertüte. Ein paar Haudegen von der Strandpromenade hatten mich in ihrem Revier erwischt. Auf der Suche nach Futter hatte ich mich zu weit um eine Ecke getraut und stöberte in einem Papierkorb. Dort hatten sie mich abgepasst. Sie hatten nicht lange gefackelt. Ruck zuck hatten sie mich eingekesselt und dann setzte es Schläge. Und was für welche.

Irgendwann musste ich das Bewusstsein verloren haben. Später hatte ich es dann wohl irgendwie geschafft, mich in einen Park weiter oben, etwas entfernt von der Strandpromenade zu schleppen. Wie ich das gemacht habe, daran fehlt mir heute jegliche Erinnerung. Jedenfalls wachte ich dort unter einer Palme auf, weil ich ein stechendes Gefühl in der Magengegend spürte. Hunger.

„Wenn ich jetzt nicht bald etwas finde, bin ich tot.“, ging es mir durch den Kopf und ich humpelte durch die nachtleeren Gassen. Ab und zu kreuzten ein paar betrunkene Menschen meinen Weg. Immer, wenn das passierte, versuchte ich so gut es ging, mich in den Schatten zu ducken. Es muss lächerlich ausgesehen haben. Ein Katzenkind. Noch nicht mal halbwegs ausgewachsen. Dünn wie ein Blatt. Dreckig und zerfetzt das eine Auge triefend und zugeschwollen, das andere voller Panik. Wie ein Suchscheinwerfer auf die Einfahrten, die in die Straße, über die ich wankte, mündeten, gerichtet. Den Tod im Nacken.

Irgendwann konnte ich nicht mehr. Zwischen einem Minimarkt und einer Bushaltestelle stand eine Mülltonne, hinter der ich mich zum Sterben zusammenrollte. Fluchend auf die Menschen, die ihren noch essbaren Abfall seit neustem immer sofort wegräumten. Was war nur los mit denen? Irgendwie schien die ganze Welt in einen Sauberkeitswahn verfallen zu sein. Wäre ich nur ein Jäger, wie mein Vater einer gewesen war. Ich hätte sicher keine Probleme. Mäuse und Vögel gab es genug. Das Einzige was ich fangen konnte, waren Würmer. Oder ab und zu eine Kakerlake. Aber nur die Verletzten oder Älteren. Doch die gab es nur ganz unten am Strand. Hier oben schienen die wie ausgestorben zu sein. So bitter, hart und übelriechend die auch wahren. Ich hätte in diesem Moment einen ganzen Berg Kakerlaken gegessen. Wenn meine Mutter damals nicht zusammen mit meinen beiden Schwestern bei meiner Geburt gestorben wäre, hätte ich auch Gelegenheit gehabt von ihr das Jagen zu lernen.

So musste ich mich mit den Erzählungen der anderen Straßenkids über meinen Vater, den draufgängerischen Jäger, begnügen. Keine Maus war ihm zu schlau oder zu schnell gewesen. Und sogar Ratten soll er zur Strecke gebracht haben. Ein ganzer Kerl. Und was war ich? Ein jämmerliches Häuflein Elend, das neben einer Mülltonne lag und ans Sterben dachte. „Falls ich durch ein Wunder nochmal aufwache, dann werde ich mehr aus meinem Leben machen. Ich werde mir das Jagen selbst beibringen. Ich werde Mäuse jagen. Und Tauben. Und fette, saftige Schafe.“ Das waren meine letzten Gedanken, bevor ich wegdämmerte.

Ich erwachte auf dem kühlen Metalltisch des Tierarztes. Doch, was mir als erstes in Erinnerung kommt, wenn ich an diesen Tag zurückdenke, ist nicht die Kälte oder die ungewohnte, saubere Umgebung, sondern die warme, angenehme Stimme des Kochs. Sie sorgte dafür, dass meine lähmende Angst sich von einer auf die andere Sekunde verzog.

Er sprach beruhigend auf mich ein, während der Arzt sich meine Krallen ansah. Meine Zähne und meine Ohren. Er versorgte mein entzündetes Auge und tastete meinen Bauch ab. Das alles und auch die anschließende Wurmkur sowie die Spritzen mit Impfstoffen und Antibiotika konnten mir nichts anhaben. Ich blieb tapfer. Ich wusste instinktiv, dass ich mir keine Sorgen mehr zu machen brauchte. Weder vor den Haudegen auf der Promenade, noch vor blutsaugenden Parasiten, Straßentierjägern oder dem Verhungern. Der Koch würde von nun an mein Verbündeter sein. Ihm war es nicht egal, was mit mir passierte.

Er hatte mich vor dem Verhungern gerettet. Mich aus dem Müll gezogen. Mich mit Haferbrei gefüttert, mich in eine weiche Decke gewickelt und mitten in der Nacht zum Arzt getragen. Er konnte kein verkehrter Kerl sein. Verkehrte Kerle machen so etwas nicht. Das hatte ich in meiner Zeit auf der Straße gelernt. Und die war jetzt vorbei.

Ich liege auf den warmen Fliesen vor dem Hotel und lasse mir die Sonne auf den Pelz scheinen. Kinder kommen vorbei und streicheln mir über das Fell. Es ist weich geworden und nicht mehr so staubig, wie damals. Flöhe habe ich auch schon lange keine mehr. Und auch keine Bauchschmerzen. Ich bin dankbar für diesen Platz. Keiner kann ihn mir mehr wegnehmen.

Manchmal gehe ich runter an die Strandpromenade. Wenn ich dort ein paar junge Kätzchen sehe, dann lade ich sie zum Mitessen ein. Der Koch scheint nichts dagegen zu haben. Jagen kann ich bis heute nicht. Dafür teile ich mir meinen Schlafplatz im Schuppen mit ein paar echt netten Mäusen. Wenn sie nachts frieren rollen wir uns manchmal zusammen auf der Decke, die der Koch dort für mich ausgebreitet hat, ein. Und erzählen uns unsere Geschichten von der Straße.

Kater

Mein Interview mit Lani vom Katzentempel Hamburg könnt Ihr hier lesen.

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