G20

Schwarzer Block im Schaufenster

Lange Zeit habe ich hin und her überlegt, ob ich zu diesem Thema etwas bringen werde. Und ich muss etwas bringen. G20 macht etwas mit unserer Stadt und das muss ich versuchen, in Worte zu packen.

Schon Wochen vor dem Ereignis, welches sich am Wochenende in Hamburg abspielen wird, waren alle in heller Aufruhr. Polizeimannschaften aus den verschiedensten Städten rückten an, übten Einsätze und waren plötzlich überall präsent. Als ich letzten Freitag meinen Besuch aus dem Ruhrpott zu den Landungsbrücken führte, wurden wir dort von vier Polizisten in Kampfausrüstung bewaffnet mit MPs begrüßt. Am Abend zuvor hatten die beiden in der Schanze mit eigenen Augen gesehen, wie die ersten Demonstranten, die sich dort aufgehalten hatten (Es müssen weniger als 100 gewesen sein) dort von mindestens doppelt so vielen Polizisten eingekreist wurden. Ein Wasserwerfer stand auch bereit.

Nun, fast eine Woche später, kreisen die Hubschrauber permanent über der Schanze, Altona, der Neustadt und dem Kiez. Heute in der Schanze stieß man an jedem Hauseingang auf Hundertschaften. Die Bahnhöfe werden patrouilliert, Zäune wurden mit Natodraht abgesichert, auf Supermarktdächern liegen Scharfschützen. Rund um die Messehallen ist alles abgeriegelt, Mannschaftsbusse hinter Absperrgittern. Menschen werden kontrolliert und gebeten vom Fahrrad abzusteigen. Die Stimmung ist mehr als angespannt.

Gestern Abend waren wir bei einer kleinen Demoveranstaltung am Alma-Wartenberg-Platz hier in Altona. Ein paar hundert Menschen ravten gegen G20. Das Ganze war als „Massencornern“ ausgerufen worden. Die ganze Nachbarschaft traf sich auf der Straße, trank Bier und Wein, schnackte und tanzte zu Technobeats. Alles war sehr friedlich, doch zum Ende hin konnte man die Unruhe auf Seiten der Gesetzeshüter spüren, die immer näher zu kommen schienen.

Gespenstisch Szenerie

G20

Tanzveranstaltung gegen G20

Gespenstisch ob der Nachrichten der letzten Tage. Ein genehmigtes Übernachtungscamp war in der Nacht zum Mittwoch mit Gewalt geräumt worden. Ein Journalist hatte berichtet, wie er und andere mit Hilfe von Tränengas vom Platz gedrängt worden waren. Eine Kirche und ein Theater bieten Menschen Unterschlupf, nachdem die Polizei angekündigt hatte, jetzt alle zu kontrollieren, die eine Isomatte dabei haben. Was natürlich nicht nur Demonstranten betrifft, wie man sich denken kann.

Obdachlose befinden sich auf der Flucht, wissen nicht, wo sie die Nächte in Sicherheit verbringen können. Geschäfte nageln ihre Schaufenster zu. Kinder bleiben dem Unterricht fern. Cafés bleiben geschlossen. Und das alles schon heute. Zwei Tage vor dem eigentlichen Beginn des Gipfels. In der sogenannten „roten Zone“ sind schon ab morgen viele Geschäfte und Büros geschlossen. Die Bahnen verspäten sich, ab heute Abend um 20 Uhr werden bestimmte Haltestellen gar nicht mehr angefahren. Der Zugang zu einigen Gebäuden der Universität wird ab morgen nicht mehr möglich sein.

Es betrifft jeden

Es betrifft jeden. Keiner hier bekommt nicht schon jetzt die Auswirkungen von G20 zu spüren. Der Hamburger Hafen ist ab morgen geschlossen, es kommen keine Waren mehr aus der Stadt und keine mehr in die Stadt. Pakete werden laut DHL erst Ende nächster Woche wieder zuverlässig zugestellt, es kommt zu Verzögerungen im Briefverkehr, Straßen werden abgesperrt und Wege blockiert. Plötzlich ist man kein Anwohner mehr, sondern G20-Gegner. Die Menschen hängen Flaggen aus ihren Fenstern mit Aufschriften wie „Unser Viertel gehört uns“ und „G20 nicht bei uns“.

Jeder, der die Straße entlanggeht, wird mit Argusaugen gemustert. Einsatzkräfte in schwerer Montur beratschlagen sich. Sollen wir ihn/sie kontrollieren? Könnte er oder sie ein Demonstrant sein? Ein Autonomer? Ein gewaltbereiter Hooligan? Ein Terrorist? Dagegen? Aggressiv? Gefährlich? Alle sind verunsichert. Auf der Straße trifft man Kamerateams mit Helmen am Gürtel. Wovor möchten sie sich schützen? Vor uns Hamburgern?

Warum muss ein Gipfeltreffen dieser Größenordnung in einer Großstadt wie Hamburg, in einem Viertel wie der Schanze stattfinden? Warum das so entschieden wurde: Darüber gibt es die verschiedensten Geschichten. Es ließ sich nicht verhindern und ist nun auch zu spät. Der Gipfel wird in Hamburg stattfinden. Er wurde uns vorgesetzt und wir gehen dagegen auf die Straße. Wir zeigen uns. Wir tanzen, cornern, demonstrieren, setzen uns auf die Straße, stellen uns vor das Rathaus und in die Geschäftsstraßen. Flugblätter werden verteilt und Plakate aufgehängt. Wenn sie wie durch Zauberhand über Nacht verschwinden, wachsen am nächsten Tag neue nach.

G20 – Tut das Not?

G20

Vernageltes Schaufenster

Die Stadt ist in Aufruhr. Gestern Abend wurden in der Schanze Wasserwerfer gegen ein paar friedlich auf der Straße sitzende Menschen eingesetzt. Wieder wurde ein Camp geräumt. „Tut das Not?“, fragen wir Hamburger uns da. Wir lassen doch auch mit uns reden. Ein freundliches „Könnt Ihr vielleicht auf den Gehweg umziehen“ oder „sanftes Wegtragen“, wäre doch auch gegangen, oder? Hand an der Waffe marschiert Ihr am Kindergarten vorbei. Rentner laufen kopfschüttelnd an Euch vorbei, auf dem Weg zum Bahnhof „Mal sehen, ob es noch Zugtickets gibt, wir wollen übers Wochenende lieber raus aus der Stadt.“ – Verständlich.

Im Moment überlege ich noch, welche Demos ich besuchen werde, ob überhaupt und wie ich mich weiter verhalten soll. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit. Ich werde an beiden Tagen im Laden arbeiten. Werden Kunden kommen? Möchte jemand etwas kaufen? Oder sperrt sich die eine Hälfte der Bevölkerung mit Vorräten in der Wohnung ein oder verlässt die Stadt und die andere ist auf Demos unterwegs? Komme ich überhaupt in die Arbeit, oder wird der Weg versperrt sein? Das sind Fragen, die mich beschäftigen.

Ich werde die Lage weiter beobachten, die Pressemeldungen stündlich abrufen und hoffen, dass der Gipfel friedlich verlaufen wird. Ohne größere Zusammenstöße, frei von Gewalt und mit friedlichen Demonstrationen. Unsere Stadt gehört uns und darum zeigen wir uns. Wir wollen keine Gewalt und möchten frei unsere Meinung zeigen. Wie es uns zusteht.

Bilder aus der Hood

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