„Wir müssen den Müll drastisch reduzieren, indem wir schauen, wo er entsteht“

Zero Waste ist leider nach wie vor eine Seltenheit. In der heutigen Zeit gibt es immer mehr Müll. Wir produzieren ihn automatisch. Wir müssen nur einkaufen gehen: Das Obst wird in Plastiktüten verpackt, die Biogurke ist eingeschweißt und die Sojamilch gibt es nur im Tetrapack.

Das nicht nur sehr traurig und eine heillose Verschwendung, sondern schadet auch noch nachhaltig der Umwelt. Plastik gelangt ins Meer und landet in den Mägen seiner Bewohner. Das Grundwasser wird verseucht und ganze Landstriche ersticken unter unserer Mülldecke.

Zero Waste – Im Kampf gegen den Müll

Zero Waste Aktivisten haben den Müllmassen den Kampf angesagt. Vieles stellen sie selbst her. Gehen sie einkaufen, versuchen sie auf Verpackung weitestgehend zu verzichten. Und das bedeutet nicht, die dreifach verpackten Cornflakes im Supermarkt auszupacken und den Müll einfach dort zu lassen.

Vio ist eine dieser Aktivistinnen. Was mich bei ihr besonders beeindruckt hat: Vieles macht sie einfach selbst und muss es daher gar nicht erst einkaufen. Ich habe mich jetzt mit ihr zum Interview getroffen und sie hat mir einige ihrer Tricks verraten.

Zero Waste Anne: Hallo Vio! Wie geht es Dir? Was war das letzte, das Du weggeschmissen hast?

Vio: Oh das kann ich Dir gar nicht so genau sagen. Ich achte nämlich viel mehr darauf, was ich alles selber machen kann und wie. Mich interessiert zum Beispiel auch, wie ich Lebensmittel selbst anbauen kann, anstatt sie im Laden zu kaufen. Ich denke, es war etwas aus dem Bad. Die Gegenstände, die ich noch besitze, brauche ich noch auf.

Anne: Wie kam es dazu, dass Du Zero Waste Aktivistin wurdest? Was war der Auslöser?

„Es ist nicht richtig, dass wir so viel Müll produzieren“

Vio:  Ich finde es einfach nicht richtig, dass wir so viel Müll produzieren und ihn dann abladen, wo wir ihn nicht mehr sehen können. Ich konsumiere zwar keine Tiere in irgendeiner Form, ich töte aber, wenn ich meinen Müll nicht reduziere.

Anne: Seit wann beschäftigst Du Dich mit Zero Waste?

Vio: Seit ungefähr vier Monaten.

Anne: Was genau bedeutet Zero Waste für Dich?

Vio: Für mich heißt es übrigens nicht Zero Waste, sondern Less Waste. Das bedeutet, Müll drastisch zu reduzieren, indem man schaut, wo er entsteht. Man versucht beispielsweise Müll zu vermeiden, indem man Dinge lose einkauft, anstatt in Plastik. Man stellt Deo, Creme oder Zahnpasta selbst  her. Ich selber benutze eine Glasflasche, anstatt einer aus Plastik. Zum Waschen meiner Haare nehme anstatt eines in Plastik verpackten Shampoos mit Chemie, einfaches Roggenmehl. Andere Gegenstände, wie zum Beispiel Bücher, sollte man gebraucht statt neu kaufen. Man muss sein Konsumverhalten hinterfragen und komplett überdenken

Anne: Wie kommt es, dass die Gesellschaft so wenig darauf sensibilisiert ist, Müll zu vermeiden?

Aus den Augen aus dem Sinn

Zero WasteVio: Den Menschen ist es wichtig, etwas schnell zu besitzen. Müll ist nur schlimm, solange er sichtbar ist. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Anne: Es ist sicher schon seit den frühen 80er Jahren bekannt, dass wir zu viel Müll produzieren. Es wird jedoch einfach nicht weniger. Ganz im Gegenteil. Warum?

Vio: Das liegt daran, dass Plastik ein beliebtes Verpackungsmaterial ist. Vor allem ist es günstig für eine Firma. Was interessiert ein Unternehmen, wo der Müll dann landet? Ich sag nur Bio-Gurke. Mal ganz ehrlich: Gurken in Plastik. Was soll das?

Anne: Wie kann man diese Einstellung flächendeckend verbreiten? Also, die Leute dazu bringen, dass sie weniger Müll produzieren?

Vio: Das ist eine schwierige Aufgabe. Die Menschen sind leider ein Gewohnheitstiere.  Sobald sie sich bevormundet fühlen, oder ihr Verhalten als falsch und schlecht dargestellt wird, machen sie dicht. Ich würde sagen, am einfachsten geht es mit Vorleben. Damit kann man zeigen, wie leicht es ist, den Müll zu reduzieren. Dieser anhaltende Impuls wäre ein guter Start.

Anne: Sollte man da nicht auch weiter oben ansetzen, sprich, die Industrie dazu bringen, mit weniger Umverpackungen zu arbeiten?

Vio: Ich finde, es sollte ein Ansporn geschaffen werden. Nach dem Motto: Wenig und nachhaltige Verpackung gewinnt. Man sollte nicht gleich mit dem Hammer ansetzen. Die Werbung müsste Unternehmen bewerben, die nach diesem Leitsatz arbeiten. Ich finde, eine gute Strategie ist wichtig.

Geht es nicht eigentlich um den Inhalt?

Zero WasteAnne: Ich erlebe das bei meinem Job im Laden oft. Kunden lassen sich (Obwohl wir von allen Artikeln ausgepackte Beispiele präsentieren) etwas auspacken, weil sie es genauer betrachten wollen, bevor sie es kaufen und wollen dann ein originalverpacktes Teil mitnehmen. Oder sie packen es selbst aus, lassen es neben der zerrissenen Verpackung liegen und kaufen dann „frisch verpackte“  Ware (Was leider auch für Kleinteile in großen Mengen wie Müllbeutel oder Putzlappen gilt. Die sind dann halt im Anschluss unverkaufbar. Die anderen Kunden wollen ja auch nur verpackte Sachen). Warum sind wir Menschen so auf Verpackungen geprägt? Woher kommt das? Eigentlich geht es doch um den Inhalt, oder?

Vio: Ich denke, der Mensch möchte eigentlich gerade das Gegenteil. Wenn er etwas auspackt, möchte er wissen, wie es ohne Verpackung aussieht. Ich finde da sollte die Industrie eigentlich anknüpfen. Durch die Anschauungsobjekte kann man das schon ein bisschen eindämmen. Noch besser wäre es aber, wenn wie in den Unverpackt Läden alles sichtbar wäre.

Anne: Du hast mir erzählt, Du machst vieles selber. Was denn zum Beispiel?

„Ich stelle meine Zahnpasta selbst her“

Vio: Ich stelle Zahnpasta und Deo-Creme her. Im Moment suche ich gerade noch nach einer Möglichkeit, veganen Joghurt selbst zu machen.

Anne: Wo kaufst Du ein?

Vio: Ich kaufe bei Tegut und in Bioläden, zum Beispiel bei Schachtelhalm oder bei Alnatura ein. Leider haben wir bei uns keinen Unverpackt-Laden. Dort würde ich gerne einkaufen.

Anne: Machst Du beruflich auch etwas, was in Richtung Nachhaltigkeit/Klimaschutz/Umweltschutz geht?

Vio: Ich mache eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Anschließend werde ich in einem Jahr mein Fachabitur nachholen, weil ich danach Heilpädagogik studieren möchte.

Anne: In welcher Stadt lebst Du? Ist es dort einfacher, als an anderen Orten, Zero Waste zu leben, oder spielt es keine Rolle, wo man wohnt?

Vio: Ich wohne in einem Dorf. In der nahegelegenen Kleinstadt Witzenhausen gibt es einen Bioladen und ein Tegut. In Göttingen, wo ich meine Ausbildung mache, ist ein Alnatura. Es ist schon einfacher wenn du einen Bioladen oder einen Unverpackt-Laden in der Nähe hast. Alternativ musst Du halt schauen, was lose angeboten wird. Ich würde sagen, dass es eine Rolle spielt, jedoch ist es nicht unmöglich seinen Müll beim Einkaufen, zu reduzieren.

Anne: Du lebst wie ich vegan. Seit wann?

Vio: Seit dem 1. November 2014.

„Sich vegan zu ernähren, ist ein guter erster Schritt in Richtung Nachhaltigkeit“

Zero WasteAnne: Ich finde, dass es dazugehört, vegan zu leben, wenn man ernsthaften Umweltschutz betreiben möchte. Siehst Du das ähnlich?

Vio: Ich würde sage, dass es ein guter erster Schritt ist, sich vegan zu ernähren. Ich finde aber, es gehört noch einiges mehr dazu, wirklich nachhaltig zu leben. Dazu zählt zum Beispiel auch darauf zu achten, wo ich mein Geld anlege und bei welchem Telefon-/Stromanbieter ich bin.

Anne: Was tust Du noch?

Vio: Ich bin bei einer Ethik-Bank, der GLS. Außerdem überlege ich mir gerade, zu welchem Telefonanbieter ich wechseln werde. Gut gefällt mir zum Beispiel der soziale Mobilfunkanbieter Goood.

Anne: Zurück zum Thema vegan. Warum ist es so wenig bekannt, dass der Konsum von Fleisch und Milch das Klima zerstört?

Vio: Naja, das liegt daran, dass wir von klein auf mit einem System namens Karnismus aufwachsen. Das Wort beschreibt eine Ideologie, in der uns vermittelt wird, was gut, sprich essbar und was nicht essbar ist. So wird uns zum Beispiel beigebracht, dass Milchkonsum gut für unsere Knochen ist. Auch, wenn es gar nicht stimmt. Wir dürfen ohne schlechtes Gewissen Schweine und Rinder essen, Hunde und Katzen sind jedoch tabu. Diese Ideologie sagt uns, was erlaubt ist und was nicht. Das falsche Wissen wird leider auf allen Kanälen verbreitet.

Anne: Man erlebt ja sicher immer wieder Rückschläge. Wenn man zum Beispiel beim Spazierengehen im Wald Sperrmüll findet, den Menschen dort abgeladen haben oder sieht, wie jemand unachtsam seinen Müll auf die Straße wirft. Was motiviert Dich, weiterzumachen und dranzubleiben?

„Ich möchte, dass es zukünftigen Generationen möglich sein wird, den Planeten zu bewohnen“

Zero WasteVio: Ich möchte einfach, dass es zukünftigen Generationen möglich sein wird, den Planeten zu bewohnen. Ich finde es ungeheuerlich, dass wir die Erde so zerstören. Gerade aus diesem Grund mache ich weiter und versuche in meiner Umgebung ein Bewusstsein für Müll zu schaffen.

Anne: Wenn Du etwas Derartiges beobachtest (jemand wirft Müll einfach auf die Straße), sagst Du dann auch mal was?

Vio: Ich würde bestimmt etwas sagen. Es kam allerdings bis jetzt noch nie dazu. Ich habe bisher nur Müll weggeräumt, weil er mich zum Beispiel beim Warten auf den Zug gestört hat. Ich denke mir dann immer „Was läuft bei den Menschen bloß verkehrt?“.

Anne: Hier in Hamburg gibt es immer wieder Aufräumaktionen, bei denen zum Beispiel der Hafen oder der Elbstrand aufgeräumt werden. Das kennt man ja auch von Gegenden an der Küste. Kannst Du Dir vorstellen, bei sowas mitzumachen?

Vio: Auf jeden Fall! Es liegt mir sehr am Herzen, dass die Natur sauber bleibt.

Anne: Verrätst Du mir einen Zero Waste Geheimtipp? Wie kann ich ganz leicht im Alltag Müll vermeiden?

„Nimm einen Jutebeutel zum Einkaufen mit!“

Zero WasteVio: Kauf loses Obst und Gemüse ein. Nimm dazu einen Jutebeutel oder andere Stofftasche mit.

Anne: Gibt es bestimmte Webseiten, die Du ansurfst oder Fachliteratur zum Thema, die Du empfehlen kannst?

Vio: Ich schaue viel auf Youtube. Besonders gern mag ich zum Beispiel die Kanäle Trash Is For Tossers von Max Green, Pia Kraftfutter, Zero Waste Lifestyle, Zero Waste Home von Bea Johnson und Wasteland Rebel. Außerdem gehe ich auf zerowastehome, wastelandrebel und trashisfortossers. Die Seiten bieten sehr viele Infos. Zusätzlich nutze ich Instagram. Dort suche ich unter den Hastags #Zerowaste und #Lesswaste und schaue mir die Bilder an. Dabei kann man sich interessante Tipps holen.

Anne: Liebe Vio, vielen Dank für das interessante Interview!

Vio: Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich freue mich, wenn mich Deine Leser hin und wieder bei Twitter und Instagram besuchen!

Ihr findet Vio bei Twitter (@thefeminist91) und auf Instagram (tattartedlove91). Die Fotos habe ich im Eden Project in England gemacht. Auch dort dreht sich alles um Klimaschutz und Zero Waste. Ich habe es bisher zweimal besucht. Meine Artikel dazu findet Ihr hier und hier.