„Das Schönste am Norden ist das Meer, die Menschen und das Leben hier“

Johanna

Johanna und Britta

Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich Euch hier im Blog die Tierschützerin Johanna Schlitzkus vorgestellt. Damals sprach ich mit ihr über ihr Leben, den Buddhismus und ihren Überlebenshof AMOA, den sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Britta in Südhessen führte.

Inzwischen sind einige Tage ins Land gezogen und zusammen mit Britta und ihrer gemeinsamen Tochter Shaya ist Johanna kurz nach unserem Umzug nach Hamburg ebenfalls in den Norden umgesiedelt. AMOA haben die drei einfach mitgenommen. Wie es dazu kam und wie es ihnen seither ergangen ist, hat sie mir im Gespräch verraten.

„Ich genieße das diesige Wetter“

Anne: Liebe Josi, erst mal vielen Dank, dass Du Dir erneut die Zeit für ein Interview nimmst! Wie geht es Dir heute bei diesem schönen nordischen Wetter?

Johanna: Also auch, wenn es wie heute diesig ist, genieße ich das Wetter hier im Norden. Uns geht es soweit gut.

Anne: Herzlichen Glückwunsch zu Eurem Umzug in den Norden! Wie kam es dazu?

Johanna: Oh das ist eine lange Geschichte. Meine Lebenspartnerin wurde im August leider früh- pensioniert. Sie hatte vor einigen Jahren einen Dienstunfall und ist seitdem körperlich behindert. Ihre Dienststelle entschied sich gegen ihren Willen dafür, sie in Pension zu schicken. Wir haben das letztes Jahr erfahren. Mit dieser Entscheidung mussten wir erst mal zurecht kommen. Sie hat unser komplettes Leben verändert.

Wir mussten viele unserer Tiere an andere Gnadenhöfe vermitteln und haben dadurch auch unseren Hof verloren. Uns fehlte letztendlich mehr als die Hälfte ihres Gehaltes und dadurch verloren wir die Existenzgrundlage unseres Hofes. Trotz dieser harten Zeit haben wir den Mut gefasst, Hessen zu verlassen und hier im Norden neu anzufangen.

Anne: Wo genau befindet sich Euer neuer Hof?

Johanna: In der Nähe von Cuxhaven. In dem kleinen, langen Örtchen Bülkau.

Johanna

Bommel, Shady und TomTom

„Eine Freundin hat uns geholfen, die Katzen zu transportieren“

Anne: Wie war es, mit so vielen Tieren umzuziehen? Ich stelle mir das als große Herausforderung vor.

Johanna: Das war es auch. Eine Freundin hatte sich bereiterklärt, die Katzen zu transportieren, wir hatten die Hunde und das Gepäck im Auto. Wir sind nachts losgefahren und waren dann um kurz vor acht Uhr morgens in Bülkau. Dann haben wir als erstes die Katzen ausgepackt. Ich bin froh, dass wir so einen grossen Raum zur Verfügung hatten. Im Haus herrschte zu diesem Zeitpunkt ja noch totales Chaos.

Anne: Hattet Ihr viele Helfer?

Johanna: Nein, nur uns und die Freundin, die unsere Katzen transportiert hat. Erst hier kamen viele Menschen in unser Leben die uns helfen.

Anne: Dann seid Ihr inzwischen gut angekommen? Habt Ihr Euch eingelebt?

Johanna: Wir sind immer noch am Einleben. Unsere Küche musste komplett renoviert und neu angepasst werden. Dabei haben uns Freunde geholfen. Ein paar Umzugskartons stehen immer noch herum, aber es wird.

Anne: Wie gefällt es Euch hier? Wie unterscheidet sich der Ort von Eurer alten Heimat?

Johanna: Es gibt gravierende Unterschiede zwischen dem Odenwald und der Gegend, in der wir jetzt leben. Gastfreundschaft wird hier sehr groß geschrieben. Leute, die wir vorher nicht kannten, haben uns ihre Hilfe angeboten. Während es in Hessen immer schwierig war, ehrenamtliche Helfer zu finden, ist das hier sehr einfach. Die Leute hier sind sehr achtsam. Man braucht nicht viele Worte, um seine Situation zu schildern. Sie fragen einfach: „Brauchst du Hilfe?“ und ein „Ja“ reicht vollkommen aus, schon wird einem unter die Arme gegriffen. Ich war oft den Tränen nahe, weil ich so gerührt bin von der Hilfsbereitschaft der Menschen, die hier leben.

Futterspenden sind wichtig und immer willkommen

Anne: Das ist wirklich schön. Freut mich zu hören. Herzlichkeit wird im Norden wirklich groß geschrieben. Besonders mit Freunden kochen hat eine große Tradition. Kocht Ihr immer selbst oder geht Ihr auch mal essen?

Johanna

Bommel, Shady und TomTom

Johanna: Wir gehen auch oft essen. Aber nicht so, wie man sich das vorstellt. Dadurch, dass unsere Küche erst im November fertig wurde, haben wir hauptsächlich bei unseren Freunden gegessen und dabei ist es einfach geblieben. Mal kochen wir mal kochen sie. Sie wohnen nur drei Orte weiter.

Anne: Ich liebe ja den Norden und komme bei Ausflügen auch schon mal ein Bisschen rum. Kannst Du mir ein Lokal/Café bei Euch in der Gegend empfehlen?

Johanna: Leider Nein, hier im Cuxland laufen die Uhren etwas langsamer als in Hamburg. Vegan essen zu gehen ist hier so gut wie unmöglich. Leider hat auch unser Bioladen den Kaffee mit Sojamilch wieder abgeschafft, was mich letztens furchtbar geärgert hat. Daher komme ich lieber nach Hamburg und besuche Dich, wenn wir mal einen Kaffee trinken gehen wollen.

Anne: Sind alle Tiere mit Euch umgezogen?

Johanna: Nein, leider nicht. Wie hatten einige Schicksalsschläge einzustecken. Unsere Schafe haben wir an ein kleines Mittelalter-Museum vermittelt. Leider sind zwei von ihnen dort gestorben. Unser letztes Huhn, sowie die Kaninchen sind im Gnadenhof Liebenswert untergekommen. Lediglich unsere Hunde und Katzen konnten wir mitnehmen. Es war eine sehr harte Zeit.

Anne: Wie viele Tiere leben mit Euch unter einem Dach?

Johanna: Derzeit zwölf Katzen und zwei Hunde.

Anne: Plant Ihr, noch weitere aufzunehmen? Kommen auch wieder größere Tiere wie Schweine oder Schafe in Frage?

„Freiheit und Unversehrtheit sind das höchste Gut eines Lebewesens“

Johanna

Agata

Johanna: Wir haben noch zwei Katzen-Kitten aufgenommen. Weitere Tiere sind nicht geplant. Das können wir einfach finanziell nicht mehr stemmen. Sollte natürlich ein Tier in Not sein und Hilfe brauchen, bin ich weiterhin zur Stelle. Freiheit und Unversehrtheit sind das höchste Gut eines Lebewesens.

Anne: Ihr nennt Euch ja auch inzwischen Katzenhof AMOA. Wie kam es zu der Umstellung? Liegen Euch die Samtpfoten besonders am Herzen?

Johanna: Eigentlich war es keine Umstellung in dem Sinne. Ich habe schon seit meiner Kindheit eine besondere Beziehung zu Katzen und es haben immer welche bei mir gelebt.

Anne: Wie kann man Euch unterstützen?

Wer Futter spenden möchte, kann Johanna über Facebook kontaktieren

Johanna: Gerne mit einer Futterspende. Im Moment sind wir mehr den je darauf angewiesen.

Anne: Schreibst Du noch? Und was macht die Kunst?

Johanna: Derzeit fehlt mir dazu einfach die Zeit. Im Frühjahr werde ich anfangen, mein Atelier einzurichten. Dann hab ich hoffentlich auch wieder mehr Zeit für meine Kunst.

Anne: Was hat es denn mit Eurer Facebook-Kampagne „Futter statt Böller“ auf sich? Erzählst Du meinen Lesern davon? Ach ja, vom Flashmob „Wir verzichten auf ein Feuerwerk“ musst Du auch berichten.

Johanna: Im Grunde genommen hat mich vor drei Jahren meine Hündin auf die Idee gebracht. Bella ist ein extremer Angsthund. Beim kleinsten fremden Geräusch gerät sie in Panik. Besonders schlimm sind Gewitter und Silvesterknaller. Davon dreht sie fast durch vor Angst. Du kannst Dir vorstellen, wie für uns dann Silvester aussieht. Früher war Britta bei den Schafen, um sie zu beruhigen, meine Tochter bei den Katzen und ich bei unserer Bella.

„Die Tiere tun mir an Silvester unendlich leid“

Durch meine Erfahrung mit Tieren weiß ich, wie gefährlich die Raketen und die Böller sind. Ich bin direkt am Waldrand aufgewachsen und habe erlebt, wie Rehe zu Silvester in Panik über Gartenzäune gesprungen sind und Vögel aufgeschreckt wurden und das an einem Ort, an dem nur ganz wenige Knaller angezündet wurden. Früher war das auch noch nicht so weit verbreitet. Im Laufe der Zeit wurde das immer schlimmer. Ich lebe jetzt seit 51 Jahren und die Silvesterfeiern heute kann man mit denen während meiner Kindheit nicht vergleichen. Die Tiere tun mir unendlich leid. Das Geböller geht ja heute auch meistens schon weit vor dem 31. Dezember los.

Anne: Wie verbringt Ihr die Feiertage und den Jahreswechsel?

Johanna: Sehr ruhig. Wir werden am 24.12 alleine sein. Den ersten Weihnachtsfeiertag werden wir mit Freunden verbringen und am zweiten fährt Shaya zu ihrem Papa nach Frankfurt. Silvester ist ja für uns generell kein Grund zum Feiern.

Anne: Beende diesen Satz: „Das Schönste am Norden ist…“

Johanna: …das Meer, die Menschen und das Leben hier.

Anne: Ein Blick in die Gesellschaft. Was hat sich in Deinen Augen in den letzten drei Jahren geändert? Positiv und negativ?

„Die Leute müssen aufhören, ihre hausgemachten Probleme auf Menschen abzuwälzen, die nichts dafür können“

Johanna

Das erste Mal in Freiheit

Johanna: Insgesamt sehe ich eher negative Veränderungen. Seitdem Parteien wie die AfD aufgetaucht sind, muss man sich gesellschaftlich und politisch positionieren. Das ist zum Pflichtprogramm geworden. Ich halte diese Partei für sehr gefährlich. Global gesehen empfinde ich derzeit nicht viel als positiv. Unsere Welt geht den Bach runter. Wenn die Leute nicht bald damit aufhören, ihre hausgemachten Probleme auf Menschen abzuwälzen, die rein gar nichts dafür können, sehe ich schwarz für Deutschland. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Dann schnappe ich mir meine Familie und meine Tiere und haue ab.

Anne: Wie siehst Du die Kommunikation untereinander innerhalb der veganen Community? Online wie auch im Real Life?

Johanna: Im Real Life ist das kein grosses Thema mehr. Meine Freunde wissen, wie ich darüber denke. Online agiere ich eher beratend, statt missionierend. Das halte ich persönlich für wirksamer.

Anne: Wie kann man die Kommunikation verbessern?

Johanna: Indem man aufhört, den anderen zu sagen, was sie zu tun haben. Es ist viel besser, den Menschen anhand von klaren, wissenschaftlichen Erkenntnissen zu zeigen, was passiert, wenn wir so weiter machen, wie bisher.

Anne: Ein Ausblick in die nahe Zukunft. Wie geht es 2017 weiter mit AMOA?

Johanna hat nachdenkliche Worte für uns zum Jahresende

Johanna

In der neuen Heimat

Johanna: Ich weiss es nicht. Ich kann nicht in die Zukunft blicken. Es steht auf alle Fälle fest,  dass wir dringend Paten brauchen, die regelmässig Futter spenden. Seit Monaten ist es eher so, dass nur vereinzelte Spenden kommen. Das reicht natürlich nicht, um unsere Tiere satt zu bekommen. Zur Zeit steht AMOA unter keinem guten Stern. Klar werde ich weiter alles für die Tiere tun, aber unsere Kräfte sind bald ausgeschöpft.

Anne: Zum Schluss noch eine etwas nachdenkliche Frage: Wenn Du die Möglichkeit hättest, einem/r Politiker/in Deiner Wahl mal so richtig die Meinung zu sagen und daraufhin tatsächlich ein Umdenken erfolgen würde. Welche/r wäre das und was würdest Du ihm klarmachen?

Johanna: Oje, ich würde wohl einen Rundumschlag in Erwägung ziehen, aber ganz ehrlich, die Frau Petry ist mir der grösste Dorn im Auge. Was ich ihr sagen würde. Hm. Ich denke, dazu schweige ich wohl besser. Es gibt sehr wenige Politiker die wirklich fähig sind. Nur so viel zu diesem Kapitel.

Anne: Das lässt sicher einige nachdenklich zurück. Was sicher gut ist, denn nur, wenn die Menschen denken, kann sich auch nachhaltig etwas ändern. Ich danke Dir für das nette Interview und wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute für die Zukunft!

Johanna: Ich wünsche auch Dir schöne Feiertage! Herzlichen Dank für Dein Interview. Alles Liebe!

Wer den Katzenhof AMOA mit einer Futterspende unterstützen möchte, kann dies über die Facebook-Gruppe tun. Dort ist Johanna täglich aktiv.

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