Margit Ricarda Rolf

Margit Ricarda Rolf

In Zeiten von Globalisierung und TTIP werden regionale Produkte für die Menschen immer wichtiger. Wir wollen einfach wissen, was da auf unserem Teller landet. Aus genau diesem Grund haben sich ein paar Hamburger zusammengetan, um eine SoLaWi (Solidarische Landwirtschaft) zu gründen. 

Sie soll als GENO 2.0, als moderne Genossenschaft betrieben werden, in der Transparenz eine große Rolle spielen wird.

Acht Bio-Gärtner sollen in der SoLaWi arbeiten, außerdem werden 300 Genossen gesucht, die sich auch als Erntehelfer einbringen dürfen. Es sollen jede Menge Arbeitsplätze geschaffen werden, faire Bezahlung ist dabei einer der Grundsätze.

Hier entsteht die SoLaWi Hamburg

Hier entsteht die SoLaWi Hamburg

Die Hamburger SoLaWi wird eine von wenigen bioveganen SoLaWis, die es derzeit weltweit gibt, sein. Mit dieser Marktlücke soll ein fester Kundenstamm erschlossen werden. Es zählt jedoch nicht zu den Vorraussetzungen, wenn man GenossIn werden möchte, auch VeganerIn zu sein. Auf Tierhaltung soll in der SoLaWi vollständig verzichtet werden.

Am 3. Februar fand das erste Planungstreffen statt, somit ist die Ideenphase inzwischen in die Planungsphase übergegangen. Mit Unterstützung von  Fairmondo sollen abends und an den Wochenenden Botschafter durch Vorträge und Veranstaltungen die Idee verbreitet werden und auch auf der Altonale vom 3. bis 5. Juli 2015 werden die Botschafter vertreten sein.

Ich habe mich mit Margit Ricarda Rolf, einer der Gründerinnen unterhalten. Sie selbst sieht die SoLaWi als ihre persönliche Antwort auf TTIP.

Anne: Liebe Ricarda, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst! Es freut mich sehr, deine Bekanntschaft zu machen!

Ricarda: Dito!

Anne: Ricarda, wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine SoLaWi zu gründen?

Der Hummel

Der Hummel

Ricarda: Wir wollen in Hamburg eine Regiowährung einführen, den Hummel. Regiowährungen sind kein Selbstzweck. Zunächst habe ich mich mit anderen Regiowährungen befasst und mit der Frage, warum sie keinen Bestand hatten. Die Gründe liegen auf der Hand. Ich muss zunächst den Bedarf an Grundnahrungsmitteln abdecken. Da sich immer mehr Menschen bewusst und zunehmend vegan ernähren, gibt es dafür einen Markt, der derzeit nicht abgedeckt wird. Die Nachfrage ist also vorhanden. Damit haben wir gute Chancen unsere Waren auch zu verkaufen.

Anne: Welchen Namen wird die SoLaWi tragen?

Ricarda: Solawi Hamburg

Zurzeit arbeiten 12 Personen am Projekt SoLaWi Hamburg

Zurzeit arbeiten 12 Personen am Projekt SoLaWi Hamburg

Anne: Wie viele Menschen arbeiten derzeit an dem Projekt? Wer ist für was zuständig?

Ricarda: Wir sind jetzt ein Dutzend, die sich an der Planung beteiligt. Dazu gehört ein Rechtsanwalt, ein Steuerberater, Menschen, die sich auf Geld und Finanzierung verstehen, eine Konditorin und natürlich Veganer, die Genossen werden möchten.

Anne: Gibt es einen Chef? Oder sind alle gleichberechtigt?

Ricarda: Klar. Mich. In einer Genossenschaft hat jeder Genosse eine Stimme unabhängig von den Anteilen. Es ist die demokratischste Unternehmensform, die wir in Deutschland kennen. Dennoch wird es einen Vorstand geben, der aus 3 Personen bestehen wird und eben 300 Genossen.

Anne: Bis wann soll die Planung abgeschlossen sein?

Ricarda: Wir wollen nach der Sommerpause gründen.

Anne: Wie viele Menschen sollen in der SoLaWi wohnen und arbeiten?

Obst aus ökologischem Landbau

Obst aus ökologischem Landbau

Ricarda: Es werden zwischen 11 und 13 Personen sein.

Anne: Hattest du früher schon mit Landwirtschaft zu tun?

Ricarda: Nein. Das muss ich als Geschäftsführerin auch nicht. Dafür haben wir ja dann unsere Gärtner.

Anne: Wird es zusätzlich zur Landwirtschaft in der SoLaWi noch weitere Bereiche geben, z. B. Werkstätten, etc.?

Ricarda: Eine Lehrküche, einen Hofladen und eine Keimpflanzenmanufaktur.

Anne: Wodurch finanziert sich das Projekt? Werdet Ihr unterstützt?

Ricarda: Eine Genossenschaft finanziert sich zunächst durch die gezeichneten Genossenschaftsanteile, dann durch die Ernteanteile, den Verkauf der Ernteüberschüsse und durch Seminare. Es wird aber auch Hoffeste geben. Wichtig ist in jedem Fall, dass Gewinne dem Satzungszweck zugeführt werden. Das ist die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Die Genossenschaft wird als gemeinnütziger Zweckbetrieb des Hummel e.V. gegründet.

Nach der Sommerpause soll es losgehen

Nach der Sommerpause soll es losgehen

Anne: Die Arbeiter bzw. Bewohner der SoLaWi müssen/können also Kapital einbringen?

Ricarda: Ja, sie zeichnen Genossenschaftsanteile. Diese werden in der Satzung festgelegt. Es wäre also z. B. möglich, einen Anteil mit 50 Euro Nennwert festzulegen und die Höchstsumme auf 25.000 Euro pro Genossen zu begrenzen.

Anne: Die SoLaWi wird eine vegane Einrichtung werden. Gibt es davon noch mehr in Deutschland?

Ricarda: Ja, mein Vorbild ist die Solawi Wildwuchs.

Anne: Du bist ja selbst auch Veganerin. Seit wann? Hattest du dabei ein besonderes Vorbild?

Ricarda ist ganz frisch auf vegan umgestiegen

Ricarda ist ganz frisch auf vegan umgestiegen

Ricarda: Ich bin ganz frisch umgestiegen seit 17.01.2015. Ich habe gedacht, das wäre nicht nötig. Wenn man sich aber mit der Materie befasst, ist das wohl die logische Konsequenz. Ich esse jetzt viel preiswerter und mit viel mehr Genuss, ich mache z. B. meine Brotaufstriche selber. Das hätte ich auch nicht erwartet.

Anne: Ist Hamburg als Stadt besonders geeignet für eine vegane SoLaWi?

Ricarda: Wenn nicht hier, wo dann? Als waschechte Hamburgerin weiß ich, dass wir schon immer Vorreiter für Vieles waren. Die große Resonanz in so kurzer Zeit spricht für sich. Ich wollte in 2 Jahren gründen, aber jetzt werde ich vom Interesse überrollt.

Anne: Was macht Hamburg für dich besonders?

Ricarda: Der Geist meiner Heimatstadt. Es ist die Stadt des Erzengels Michael mit dem wir Hamburger auf Du und Du sind. Deshalb nennen wir ihn liebevoll Michel, was keineswegs respektlos ist.

Anne: Lebst du schon immer hier?

Ricarda: Ich bin hier geboren. Meine Vorfahren mütterlicherseits waren Wilhelmsburger Bauern. Aber das Land ging im 2. Weltkrieg verloren für´n Butterbrot und ´n Ei. Ich bin nach dem Krieg geboren, habe das Land nie gesehen. Heute führt dort die Autobahn drüber.

Anne: Wie zufrieden bist du mit dem derzeitigen veganen Angebot in Hamburg? Inwiefern unterscheidet es sich von anderen Städten?

Vegane Produkte sollten gekennzeichnet werden

Vegane Produkte sollten gekennzeichnet werden

Ricarda: Da geht noch mehr. Noch viel mehr! Ärgerlich ist es, wenn vegane Produkte nicht gekennzeichnet werden, man im Supermarkt vegane Margarine zwischen Milchprodukten findet, Hafersahne zwischen H-Milch und H-Sahne und Kichererbsen gar nicht. Wie gesund vegane Nahrung ist, hat sich noch nicht herumgesprochen. Da gibt es noch sehr viel zu tun und in den Schulen müssen wir anfangen.

Anne: Am Dienstag fand das erste Planungstreffen der SoLaWi statt. Was wurde besprochen?

Ricarda: Das Gerüst. Die Rechtsform, die Struktur, die Finanzierung und welche Schritte die nächsten sind. Das waren/sind jetzt die Gespräche mit dem Steuerberater, da war ich heute, dann das Gespräch mit dem Anwalt, dem Finanzamt, dem Bauernverband usw.

Anne: In der SoLaWi wird natürlich jede Menge Gemüse angebaut werden. Deine Lieblingssorte?

Ricarda: Gurken, Tomaten, Champignons… Wir werden mit den Genossen Wunschlisten machen und die Gärtner sagen uns dann, was machbar ist.

Alte Sorten retten

Alte Sorten retten

Anne: Vor kurzem las ich einen faszinierenden Artikel über die Rettung alter Sorten. Steht das auch auf eurer Agenda?

Ricarda: Das ergibt sich ja schon aus meiner „Kampfansage“ an Monsanto. Wir wollen mit samenfesten Sorten arbeiten und uns vernetzen.

Anne: Wir haben verlernt, was guter Geschmack ist. Erst vor Kurzem unterhielt ich mich mit einer Köchin über das Thema. Das Gemüse, das wir im Laden bekommen, ist nur noch darauf gezüchtet, möglichst gut auszusehen. Wie konnte es dazu kommen?

Ricarda: Die jungen Leute wissen gar nicht mehr, wie ein Radischen schmeckt oder eine Tomate. Die halten den Geschmack der heutigen Gemüse für normal. Woher sollen sie auch. Kleine Kinder wissen nicht, dass das Würstchen ein totes Schwein ist. Milch kommt aus der Tüte und Kühe sind lila.

Selbst entscheiden, was auf den Teller kommt

Selbst entscheiden, was auf den Teller kommt

Anne: Womit wird auf der SoLaWi eigentlich gedüngt werden? Werdet ihr im großen Stil Kompostwirtschaft betreiben? Wenn ja, wie organisiert ihr das? Besonders faszinierend finde ich ja die Gründüngung, bei der, wenn ich es richtig verstanden habe, Leguminosen (Hülsenfrüchte) über den Stickstoff in der Luft zu Dünger werden. Kunstdünger wird für eure Biolandwirtschaft ja mit Sicherheit nicht in Frage kommen, außerdem soll ja auch der Dünger vegan sein, Landwirtschaft ganz ohne Dung also.

Ricarda: Es gibt tolle Ansätze, nicht nur bei Wildwuchs. Wir werden in die Lehre gehen und bekommen natürlich Unterstützung durch andere Solawis. Man muss das Rad nicht neu erfinden.

Anne: Folgt ihr beim Anbau einer bestimmten Methode/Schule?

Ricarda: Wir wollen auf Imker verzichten. Daher habe ich Kontakt zu Markus Gastl. Sein 3-Zonen-Garten-Modell ist eine schöne Anregung.

Anne: Richtet ihr euch auch nach dem Mondkalender?

Ricarda: Das machen wohl die Demeter-Höfe. Ich denke, das wird davon abhängen, wer letztlich als Bio-Gärtner bei uns ist, welche Erfahrungen mitgebracht werden und inwieweit sich die Genossen darauf einlassen wollen. Fest steht, wir wollen biovegan und vollwertig essen.

Anne: Woher beziehst du derzeit deine Lebensmittel?

Ricarda: Das ist ganz unterschiedlich. Mein Gemüse kaufe ich gern bei einem Gärtner auf dem Wochenmarkt, Hülsenfrüchte bei Alnatura, meine Hafersahne und Avokados bekomme ich bei Edeka.  Ich hole mir Anregungen durch Gruppenbeiträge auf Facebook. Die Veganer dort diskutieren über alles, was der Markt her gibt. Veganer sind unglaublich kreativ.

Anne: Was ist von TTIP zu halten? Über die Medien erreichen uns hierzu ja fast täglich neue Hiobsbotschaften, vom Chlorhuhn bis zum Gen-Soja. Müssen wir uns große Sorgen machen?

Ricarda braucht im Winter keine Erdbeeren

Ricarda braucht im Winter keine Erdbeeren

Ricarda: Ich bevorzuge regionale Produkte und bin ein Gegner von TTIP. Ich brauche weder Erdbeeren im Dezember, noch Spargel aus Peru und auch keine Frühkartoffeln aus Ägypten. Was bei uns nicht wächst, kann gern importiert werden, aber aus Spanien z. B. esse ich gar nichts, weil ich die Ausbeutung von Menschen dort verabscheue. Was ich bisher über amerikanisches Essen weiß, ist wenig geeignet, mich zu begeistern. Ich lege Wert darauf die Menschen zu kennen, deren Waren ich kaufe. Auf dem Wochenmarkt ist das noch am ehesten möglich.

Anne: Was kann ich als Otto-NormalbürgerIn tun, um mich gesund zu ernähren? Und was kann ich gegen TTIP machen? Können wir uns überhaupt dagegen wehren?

Ricarda: Jeder Verbraucher entscheidet beim Einkaufen. Der Eine kauft Nutella, der Andere einen Apfel aus der Region. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, was die Nahrung mit uns macht. Das kann man niemandem aufzwingen. Aber aufklären können wir und das wollen wir auch mit der Solawi tun, durch Vorträge, Seminare und Kochkurse.

Anne: Ist die Genossenschaft die Gemeinschaftsform der Zukunft?

Ricarda: Die neue Genossenschaft, die Geno 2.0 ist eine gute Alternative zur Aktiengesellschaft, quasi die rote Karte und eine Antwort auf Vorstandsgehälter in Millionenhöhe. Ich bin überzeugt davon, dass es eine Unternehmensform mit Zukunft ist.

Anne: Vielen Dank für dieses wirklich tolle Interview! Ich wünsche euch ganz viel Erfolg für die Zukunft Eurer SoLaWi, ich hoffe, dass ich euch schon bald dort besuchen kann!

Ricarda: Zur Eröffnung bist du jedenfalls herzlich eingeladen.

Anne: Dann halte mich auf jeden Fall auf dem Laufenden! smile

Wer sich für das Leben und Arbeiten in der Hamburger SoLaWi interessiert, kann zu den Planungstreffen kommen, sie finden jeden 1. und 3. Dienstag im Monat im Happenpappen in Hamburg statt, Anmeldung ist erbeten, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist. 

Quellen: 

Bilder: