Er saß am Küchentisch und rührte den vierten Löffel Zucker in seinen schwarzen Filterkaffee. Gedankenverloren zog er an seiner Zigarette.

Vor ihm auf dem runden abgegriffenen Holztisch stand schon sein Proviant für den Tag bereit: Ein Energydrink und ein kleiner grüner Flachmann mit Kräuterlikör. Gemischt würde er beides später im Transporter auf dem Weg zum ersten Kunden zügig austrinken und danach die leere Dose aus dem Fenster auf den Gehsteig befördern. In ein paar Minuten würde sein Partner mit dem alten verbeulten Sprinter auf den Hof fahren und ihn abholen. Wie jeden Tag würden sie auch heute gegen sieben Uhr zusammen aufbrechen.

Sein zerstreuter Blick schweifte durch den Raum. Nichts schien er dabei wirklich zu erfassen. „Durch´s Nadelöhr schauen“, nannte er das. Der Türrahmen war mal weiß gewesen. Nun war er vergilbt vom Nikotin. Früher befand sich an dieser Stelle eine Tür mit einer Milchglasscheibe. Die hatte er an einem dieser Tage, an denen er sich selbst nicht erkannte, mit der Faust in einen Haufen Scherben verwandelt. Nachdem etwas Gras über die Sache gewachsen war, hatte sie damals diesen hässlichen Perlenvorhang hier aufgehängt. Sie meinte, damit würde die Küche wohnlicher wirken. Er hasste dieses Teil. Das sah ja aus wie in einem von diesen zum Puff umfunktionierten Wohnmobilen, die am Ende des Industriegebietes parkten. Er hatte so was Kitschiges an sich. Nichts für ihn. Er mochte die Dinge lieber schlicht.

Am Abend, wenn er verschwitzt und hungrig von der letzten Möbelmontage an diesem Tag zurückkehren würde, würde dieser Perlenvorhang nicht mehr da sein. Denn sie hatte einen Entschluss gefasst, von dem er zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnte. Auf der dunkelbraunen Küchenzeile stapelte sich sein schmutziges Geschirr. Seit einer Woche weigerte sich die dumme Kuh nun aufzuräumen.

Er hatte sich vorgenommen, einfach mal abzuwarten. Irgendwann würde sie schon einsehen, dass es ihre Aufgabe war. War ja eigentlich auch nicht zu viel verlangt, nach der Nachtschicht noch schnell das Geschirr zu spülen und ein Bisschen das Klo zu putzen und was sie da sonst noch so machte. Dann störte sie ihn auch nicht beim Schlafen. Denn meistens war sie mit dem Aufräumen immer dann fertig, wenn gerade sein Wecker klingelte. Ein Hupen gab ihm das Zeichen zum Aufbruch. Er warf einen flüchtigen Blick in die verkratzte Spiegelscherbe, die zwischen dem Werkzeug und Aschenbecher auf dem Tisch lag, fuhr sich kurz durch die Haare und stand auf.

Im Gehen schluckte er hastig den letzten Rest Kaffee herunter und lies den klebrigen Löffel auf die Tischplatte fallen. Er schlüpfte in seine Arbeitsschuhe, streifte den dicken grünen Bundeswehrpulli über und ließ die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen. Es war sehr kalt an diesem Morgen, schon im Hausflur konnte er seinen Atem sehen.

Um halb acht stieg sie aus ihrem kleinen grünen Wagen. Sie hatte sich einen Tag Urlaub genommen und bei ihrer Freundin übernachtet. Ihm hatte sie gesagt, sie würde eine Doppelschicht in der Fabrik übernehmen, und deshalb später heimkommen.

Sie betrat die Küche, zog das Rollo hoch und öffnete das Fenster, um etwas von der frischen kühlen Morgenluft hereinzulassen. Sie konnte regelrecht beobachten, wie sich dicke Schwaden kalten Rauchs langsam mit Sauerstoff vermischten.

Sie stellte einen mitgebrachten Karton auf dem Tisch ab, krempelte die Ärmel hoch und überlegte sich, womit sie anfangen sollte. Sie hatte diese marode alte Küchenzeile nie gemocht. Wie oft war sie damit beschäftigt gewesen, hier nach seinen Feten sauberzumachen. Dazu musste sie jedes Mal die Treppe rauf und heißes Wasser aus dem Badezimmer holen. Wenn sie das nach der Nachtschicht noch schnell erledigte, versuchte sie dabei immer so leise wie möglich zu sein, um ihn nicht zu wecken.

Diese Küche mit dem schmierigen Film aus Nikotin und Fett, der sich gar nicht mehr richtig entfernen ließ. Das Loch in einer der Türen stammte von ihrem Arm. Es war an einem dieser Tage passiert, an denen er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Damals war es besonders schlimm gewesen. Seine Mutter war kurz danach noch vorbeigekommen und hatte ihn sogar noch verteidigt. Wie so oft war seine Mutter an diesem Abend betrunken gewesen. Genau wir er. Sie vom Weißwein, er vom Martini.

Dieses Laster hatte er von ihr geerbt. Der einzige Unterschied war, dass sie heimlich trank. Überall versteckte sie ihre Flaschen. Er hingegen verteilte seine offen überall in der Wohnung und lud jeden seiner Freunde, die ihn ständig besuchten um bei ihm zu feiern, dazu ein mit ihm zu trinken. Das war jetzt alles vorbei.

Sie schloss das Fenster wieder und begann ein paar Fotos und Unterlagen in den Karton zu packen. Weitere fünf Kartons folgten, in die sie ihre Musiksammlung, ihre Bücher und ihre Kleidung packte. Sie wollte nicht viel mitnehmen, das hatte sie sich vorgenommen. Nur ihre persönlichen Sachen. Bei ihrem Neuanfang wollte sie nicht von einem Schrank oder einer Blumenvase immer wieder an die Zeit erinnert werden, die nun endlich hinter ihr lag. Nachdem sie alles ins Auto geladen hatte, machte sie eine letzte Runde durch die Zimmer, die schon jetzt irgendwie fremd auf sie wirkten. Irgendwie hatte sie sich hier nie richtig wohl gefühlt. Sie hatte immer versucht alles wohnlich zu machen, war dabei aber immer wieder kläglich gescheitert. Ihm hatten Ihre Ideen sowieso nie gefallen. An allem hatte er etwas auszusetzen gehabt und irgendwann hatte sie es dann schließlich aufgegeben. Das war für sie der Abschied.

Erst hatte sie die Wohnung aufgegeben, dann hatte sie sich aufgegeben. Aber das hatte nun ein Ende. Sie legte ihren Schlüssel auf den Tisch, nahm ihren Mantel vom Haken und schloss zum letzten Mal die schwere Wohnungstür hinter sich. Als sie vor drei Stunden angekommen war, war es noch sehr kalt gewesen. Jetzt hatte sich der Nebel verzogen und der Raureif war verschwunden. Die noch etwas zaghaften Sonnenstrahlen wärmten sogar schon fast ein Bisschen. Man konnte es spüren, dass es nun bald Frühling werden würde.

Diese Kurzgeschichte ist bereits vor einiger Zeit entstanden. Ich hatte sie damals an anderer Stelle veröffentlicht. (Anm. der Autorin)

Die Geschichte ist frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit Personen, Orten oder Begebenheiten sind nicht beabsichtigt.

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