Du freust Dich jedes Mal, wenn jemand die Tür aufschließt. Du drehst Deine Runden um die Hosenbeine, bis diese ganz grau sind von Deinem Fell.

Du bist für mich da, wenn es mir schlecht geht, und tobst mit mir herum, wenn die Laune wieder besser ist. Du bringst mich auf die Palme und holst mich zurück auf den Teppich.

Du schläfst mit Vorliebe in der Badewanne, aber auch auf der Fensterbank, auf dem Sofa, auf dem Schreibtisch, auf dem Badvorleger, auf meinen Lieblingsschuhen und im Wäschekorb. Einmal hast Du sogar auf der Hutablage geschlafen. Ich fand Dich dort, nachdem ich Dich mal wieder stundenlang verzweifelt gesucht hatte. Du hast seelenruhig dort gelegen und von der Jagd auf Staubmäuse geträumt.

Auch im Schrank habe ich Dich schon einige Male gefunden. Bis heute kennt keiner Dein Geheimnis, wie Du in diesen geschlossenen Raum hinter den schweren Holztüren reinkommst. Nicht mal Dein verwegener Bruder, der mich jedes Mal, wenn Du Dich wieder dort zur Ruhe gebettet hast und wieder raus willst, denn das schaffst Du noch nicht aus eigener Kraft, durch lautes Kratzen und Miauen darauf aufmerksam macht, dass ich Dich wieder frei zu lassen habe. Sicher würdest Du auch im Kühlschrank schlafen, wenn ich Dich rein lassen würde. Du sitzt schon immer mit diesem teils fragenden, teils schlitzohrigen Blick, den Kopf leicht schräg, bereit zum Absprung davor, wenn die Tür geöffnet ist. Bis jetzt habe ich es noch immer geschafft, ihn rechtzeitig zu schließen.

Chili träumt von Staubmäusen

Du magst gerne Blumenerde. Und Palmenblätter. Genüsslich zernagst Du sie, bis nur noch das Gerippe übrig ist. Dein Bruder bevorzugt Gräser. Und Rosenblätter, die er laut maunzend verschlingt.

Ihr teilt Euch ein seltsames Laster für Plastiktüten. Einkaufstüten, Luftpolsterfolie, Zelophan. Am liebsten mögt ihr diese kleinen Klebestreifen, mit denen die Päckchen mit Einwegtaschentüchern zugeklebt sind. Stundenlang könnt Ihr daran schnuppern und sie belecken. Dabei wird sich ausgiebig gewälzt und der Liebe zum Kunststoff mit lautem Gekecker Ausdruck verliehen.

Wenn es um die Ernährung geht, seid Ihr beide sehr wählerisch. Ihr gebt Euch nicht mit allem zufrieden, was auf den Tisch kommt. Auch scheinst Du grundsätzlich immer etwas Anderes  zu wollen, als Dein Bruder. Habt Ihr Euch doch mal auf eine Leibspeise geeinigt, die Ihr dann ein paar Wochen lang zu lieben scheint, ziehe ich los, um einen großen Sack davon zu erstehen. Kaum bin ich mit diesem Sack zu Hause angekommen, hasst Ihr diese Leibspeise plötzlich auf den Tod. Was ich natürlich niedlich finde.

Genau wie das Verteilen Eures wunderbar weichen, seidigen Haarkleides über all meine Habseligkeiten, das Verstreuen der Katzenkistensteinchen, die ich schon an den überraschendsten Orten wiederentdeckt habe (unter dem Telefonhörer im Büro, auf der Deckenlampe) und das emsige Umgraben der Blumentöpfe.

Jedes Mal, wenn ich morgens aus der Badewanne steige, kommst Du sogleich angeflitzt, um Dein tägliches Ritual zu zelebrieren. Ich liebe es, Dir dabei zuzusehen und komme deshalb regelmäßig zu spät ins Büro.

Zuerst springst Du mit einem Satz auf den Rand der Wanne. Dort bleibst Du andächtig stehen und schnupperst entlang der Fugen, um dort nach Wassertropfen zu suchen. Hast Du einen gefunden, leckst Du ihn genüsslich auf, wobei Du Dir natürlich Zeit lässt. Nachdem Du auf diese Weise den Badewannenrand gereinigt hast, hüpfst Du schließlich hinein, schnupperst und stromerst um den Wasserhahn, gespannt darauf, ob ihn vielleicht doch noch ein paar vereinzelte Tropfen verlassen.

Ich drehe ihn dann etwas auf, ganz leicht, gerade so, dass ein bindfadendünnes  Rinnsal herauskommt. Du spielst damit, möchtest es fangen. Innerlich wirst Du wieder zum kleinen Kätzchen.

Wenn Du Dich ausgetobt hast, springst Du aus der Wanne und lässt Dich gemütlich auf der Wäschetruhe nieder, wo Du zuerst sorgfältig und intensiv Dein Fell reinigst und dann in einen tiefen, erholsamen Schlaf fällst.

Ich liebe Dich, mein Katerchen. Du bist toll und ich möchte nicht mehr ohne Dich sein. Ohne Dich und Deine Haarbüschel. Ohne Dich und das morgendliche, stundenlange Schaben und Miauen an der Schlafzimmertür.

Jeden morgen pünktlich um 5:55 bist Du da und weckst mich. Begebe ich mich schlaftrunken zur Tür und öffne sie, rennst Du sofort weg. Ich stelle mir dann manchmal vor, wie Du mit tiefer, weiser Stimme, was eigentlich gar nicht zu der Aussage passt sagst: „Das war ich nicht.“.

Panthergleich stürmst Du davon. Umkreist den Futternapf. Sobald er gefüllt ist, ist auch schon wieder uninteressant geworden und Du stürmst weiter. Auf zu neuen Taten. Auf leisen Tatzen.

Dieser Text ist Oskar und Chili gewidmet. Eigentlich sollte es heißen „Ode an DIE Kater“, denn ich liebe Euch beide, meine wolligen Mitbewohner.

 "I'm like cat here, a no-name slob. We belong to nobody, and nobody belongs to us. We don't even belong to each other."

„I’m like cat here, a no-name slob. We belong to nobody, and nobody belongs to us. We don’t even belong to each other.“