Erste Ampel: Neben mir: Mercedes. Baujahr 1976, Fahrer Baujahr 1978. Zieht an seiner Zigarette. Fliegersonnenbrille. Blondes Haar. Lächelt rüber. Ich lächle zurück. Die Ampel grün. Bis zur nächsten Kreuzung. Noch ein Blick. Dann auf die Rechtsabbiegerspur. Verschwindet hinter einem Fabrikgebäude. Nächste Ampel. Neben mir ein Kleinlaster einer Möbelhauskette. Die mit dem völlig unsinnigen Werbeslogan, bei dem ich immer an Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes denken muss. Der Fahrer lässt den Motor ein paar Mal aufheulen, anscheinend, um mir seine Stärke zu demonstrieren. Als die Ampel auf grün umschaltet, scheint er eine wahre Freude daran zu haben, an meiner betagten, grauen, nicht nur leicht rostigen Asphaltblase vorbeizuziehen. Ich lasse ihm den Spaß. Gehe mit Absicht noch etwas vom Gas runter. Nächste Kreuzung. Rechts abbiegen. Ein Transporter. Mitten auf der Straße. Versucht rückwärts in die gegenüberliegende Hofeinfahrt reinzukommen. Scheint dabei sichtlich Probleme zu haben. Um ihm das Einparken zu erleichtern, weiche ich ein wenig zur Seite aus. Plötzlich scheint er seine Meinung zu ändern, möchte wenden. Wahrscheinlich, um jetzt doch vorwärts in die Einfahrt zu kommen. Hinter mir eine Schlange Autos, die sich bis zum Horizont zieht. Der Fahrer lehnt sich mit puterrotem Kopf durch das heruntergekurbelte Fenster: „Siggst Du ned, dass i hier rangschieren muss, Du Rindvieh!“ ruft er zu mir herüber. Über Blicke verständige ich mich kurz mit meinem Hintermann und versuche ein kleines Stückchen zurückzufahren, um ihm das Wenden zu erleichtern. „Jetzt bleib halt dann stehn, Du Rindvieh!“, ruft er, jetzt noch etwas lauter und macht dabei eine eindeutige Geste in meine Richtung. Ich kurble das Fenster hoch, drehe die Pixies lauter und zünde mir eine Zigarette an. Fünf Minuten später setzt sich die Karawane wieder in Bewegung.

Im Büro

Sommerloch. Meine Freunde teilen mir der Reihe nach mit, dass sie jetzt entweder sofort an den See aufbrechen, ab heute Urlaub haben und aus diesem Grund erstmal drei Wochen nicht zu erreichen sein werden, dass sie den spontanen Entschluss getroffen haben, für ein halbes Jahr ins Ausland zu verschwinden, oder dass sie gerade eine Eislieferung ins Büro bekommen haben. Die Luft steht. Das Leben ist schön. Um 15 Uhr beschließe ich, mein Stundenkonto noch weiter ins Minus zu treiben und Feierabend zu machen.

Auf dem Heimweg

Wieder rein ins Auto, rauf auf die Straße. Vor mir ein Minivan. „Kilian-Fabrice an Bord“ prangt es in bunten Lettern auf dem hochglanzpolierten Kofferraumdeckel. „Rechts vor links gilt auch bei 33 Grad! Wenn auf dem Schild steht 60, bedeutet das nicht, dass Du 30 fahren sollst! Grüne Ampel bedeutet losfahren, rote Ampel bedeutet stehenbleiben!“ denke ich mir.

Der Einkauf

Supermarktparkplatz. Ich steige aus. Eine Frau um die 60 kramt in einem Mülleimer. Entnimmt ihm mehrere Pfandflaschen. Stopft sie in die mitgebrachte Discountertüte. Ich gehe mir einen Einkaufswagen holen. Sehe dabei der Frau zu, wie sie eine Flasche nach der anderen ihrer Tüte wieder entnimmt, gierig die Reste schlürft und sie wieder in die Tüte zurückstopft. Im Supermarkt steht sie plötzlich vor mir. Legt ihren Tetrapackwein auf des Fließband, gibt mit zitternden Fingern ihren Pfandzettel ab. 5,76, sie bekommt noch Restgeld von der Kassiererin. Leider ist ihr die junge Dame an der Kasse offensichtlich nicht schnell genug, also wird sie gnadenlos von ihr beschimpft. Das arme Geschöpf. Die Kassiererin. Die Alkoholikerin. Ich zahle, schenke der Kassiererin die eben gekaufte Cola und wünsche ihr einen baldigen Feierabend.

Zu Hause

Zu Hause angekommen treffe ich meine Nachbarin im Treppenhaus. „Jedn Dog der selbe Scheiß! I sog eana, Hausfrau ist der undankbarste Beruf auf der Welt! Und der anstrengandste obendrein!“ flucht sie. „Und jeden Dog wieder der selbe Scheiß!“. „Da haben sie recht, das sage ich auch immer!“ Nicke ich ihr zu und halte ihr die Aufzugtür auf. „Die Dür brauchns mir ned aufhaldn, des mussi ja sonst a immer allein schaffn!“ Mosert sie. „Jaja, diese Einkauferei immer,“, versuche ich Sie wieder von ihrem grauen Hausfrauenalltag abzulenken, „Ich wünschte auch, das wäre nicht nötig. Es soll ja sogar Menschen geben, die das gerne machen!“ „Naja, drotzdäm no an scheena Dog!“ meint sie. „Mir hom halt olle unser Packerl zum drogn, gell?“ „Ja, und genießen sie noch ein Bisschen das schöne Wetter!“, antworte ich ihr. „Ja mei, sie san ja no jung, sie kenna des no genießn, aber in moim Alder…“ Die Aufzugtür schließt sich, ich drücke auf den Knopf. Kurz vor der Wohnungstür reißt der Henkel meiner Tüte. Ich lasse sie liegen. Schließe meine Wohnungtür auf, schnappe mir meine Badesachen und haue ab.

Song des Tages

Gispert zu Knyphausen – Sommertag

 Eins, zwo, drei vier

Manchmal glaube ich, dass ich zu langsam bin
für all‘ die Dinge, die um mich herum geschehen.
Doch all‘ die Menschen, die ich wirklich, wirklich gerne mag,
sie sind genauso außer Atem wie ich.

Und manchmal glaube ich, dass nichts mehr wichtig ist.
Ich treibe ziellos bis zum Tag, an dem ich sterbe, jaja.
Doch gerade dann, wenn ich dann wirklich nicht mehr weiter will,
liegt mein gepflegter Pessimismus in Scherben.

Und alles, was mir dann noch übrig bleibt:
Ein bisschen Zweisamkeit als Zeitvertreib.
Das bisschen Herzschmerz, das bisschen Herzschmerz
tut doch gar nicht so weh.

Den ganzen Unsinn werd‘ ich nie verstehen.
Da hilft nur Einatmen und Vorwärtsgehen.
Es ist ganz einfach, es ist ganz einfach:
Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag.

Und manchmal glaube ich, dass ich zu müde bin.
Aus meinem Sessel komm ich nie mehr wieder hoch,
doch wenn es klingelt, bin ich rasend schnell am Telefon,
es kann doch sein, dass mich irgendwer braucht.

Und manchmal glaube ich, dass ich zu leise bin.
Dann schrei‘ ich lauthals meine Lieder in den Wind.
Doch viel, viel lauter noch sind die, die nix zu sagen haben.
Und wenn das stimmt, dann halt‘ ich lieber mein Maul.

Und alles, was mir dann noch übrig bleibt:
Ein bisschen Zweisamkeit als Zeitvertreib.
Das bisschen Herzschmerz, das bisschen Herzschmerz
tut doch ga nicht so weh.

Den ganzen Unsinn werd‘ ich nie verstehen.
Da hilft nur Einatmen und Vorwärtsgehen.
Es ist ganz einfach, es ist ganz einfach:
Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag.
Ein Sommertag, ein Sommertag, ein Sommertag.