Überall liegt Rollsplit

Überall liegt Rollsplit

Ein Tag Ende Januar. Es ist kalt, aber es liegt kein Schnee mehr. Überall liegt Rollsplitt.

Auf den Gehsteigen, auf der Straße, im Supermarkt, auf dem Teppich und in den Hosenaufschlägen. Auf der kurzen Strecke zwischen Haustür und Bahnhof bist Du zwei Mal nach dem Weg zum Dom gefragt worden. Es sind erstaunlich viele Touristen unterwegs heute. Das muss mit dem Festival zusammenhängen. Zweimal im Jahr findet es statt und dann strömen mehr oder weniger kulturinteressierte Menschen in die Stadt, bringen den Hotels und Jugendherbergen Umsatz, besetzen Deinen Lieblingsplatz im Café und stehen morgens, wenn Du verschlafen aus der Tür kommst vor Deinem Haus, um dieses baufällige, denkmalgeschütze Gebäude zu fotografieren.

Wieder mal bist Du viel zu früh am Bahnhof. Noch eine Viertelstunde, bis der Zug kommt, aber Du hattest ja mal wieder Angst, zu spät zu kommen. Man muss sich ja schließlich noch eine Fahrkarte kaufen und nachsehen, ob der Zug auch wirklich wie immer auf Gleis 2 abfährt. Dass das insgesamt gerade mal eine Minute in Anspruch nimmt, wirst Du nie lernen. Du stellst Dich an den Bahnhofsausgang. Auf der Gleisseite, damit Du alles schön im Blick behältst. Neben dem Fahrkartenautomaten ist es etwas windgeschützter. Du zündest Dir eine Zigarette an und lässt Deinen Blick schweifen. Auf der Bank sitzt eine ältere, etwas untersetzte Dame. Sie trägt einen abgetragenen, beigefarbenen Wollmantel und eine königsblaue Pudelmütze. In der linken Hand hält sie einen kleinen verkratzten Taschenspiegel, in der rechten eine Pinzette. Die Stirn in Falten. Sie wirkt konzentriert. Zupft sich die Barthaare aus. Wahrscheinlich fährt sie zu einer Verabredung. Vor dem Kiosk unterhalten sich drei BWL-Studenten, Erstsemester, über die anstehende Prüfung morgen. Sie scheinen sehr überzeugt von sich und ihrem Wissen zu sein. Mitteilungsbedürftig. Es scheint sie nicht zu interessieren, dass sie nicht nur sich, sondern auch sämtliche umstehenden Passanten mit ihren Geschäftsideen unterhalten.

Noch sieben Minuten. Du gehst zum Kiosk, um Dir eine Zeitung zu kaufen. „Eine SZ bitte.“ „Big Pack, oder normal?“, „Entschuldigung, ich hätte gerne eine Zeitung.“ „Einmal die Bildung, macht 50 Cent!“ „Sie haben doch sicher auch die Süddeutsche Zeitung, die hätte ich gerne.“, „Ach die Süddeutsche, die haben wir heute nicht bekommen.“ „Dann können Sie heute leider kein Geschäft mit mir machen. Ich wünschen Ihnen noch einen schönen Tag!“, „Moment! Junge Frau, Sie haben Ihre Zigaretten vergessen!“

Du gehst die Treppe runter, läufst durch die Unterführung, um zu Gleis 2 zu gelangen. Eine Mutter schreit ihr plärrendes Kind an. Ein Mann im Anzug mit einem teuer aussehenden Aktenkoffer unter dem Arm stapft hastig an den beiden vorbei, wobei er der Frau fast die Handtasche vom Arm reißt. Ein Mädchen steht am Aufgang zu Gleis 2 und verteilt Flyer für eine Sekte. Du gehst an ihr vorbei, die Treppe hoch, der Zug steht schon da. Eine schwerbepackte Großfamilie wuchtet gerade ihre Koffer in den Zug. Du hilfst ihnen mit dem Kinderwagen. Du hörst zwei ältere Damen tuscheln: Hast Du das gesehen? So jung und schon so viele Kinder! Und dann auch noch mit so einem alten Mann! Die Jugend heutzutage.

Der Zug ist voll besetzt. Mit Mühe kannst Du noch einen halbwegs bequemen Stehplatz ergattern. Nach zehn Minuten im Bahnhof kommt eine Durchsage: „Wegen eines durchfahrenden Güterzuges verzögert sich unsere Abfahrt auf unbestimmte Zeit.“ Der Mann gegenüber scheint einen Punkt auf Deiner Stirn zu fixieren. Er scheint Dich ziemlich interessant zu finden. Er schaut nicht, er glotzt. Jetzt ein Stockwerk tiefer. Minutenlang. Du schneidest ihm eine Grimasse, ziehst Dein Mobiltelefon aus der Tasche und siehst auf die Uhr. Du versuchst Dich umzudrehen. Bleibst dabei mit Deiner Tasche am Koffer der Frau neben Dir hängen. Die Tasche fällt auf den Boden.

Als Du Dich bückst, um sie aufzuheben, setzt sich der Zug plötzlich in Bewegung. Alle Passagiere in dem überfüllen Abteil machen einen Schritt, um nicht zu fallen. Deine Tasche ist weg. Du tastest danach und spürst wie Deine Bluse am Rücken aufreißt. Mist. Das auch noch. Du hebst die Tasche auf und hängst sie Dir um. Zu spät merkst Du, dass sie in einer Kaffeepfütze gelandet ist. Einem der Mitfahrer muss beim Anfahren des Zuges der Becher entglitten sein. Zusätzlich zu dem Loch in Deiner Bluse hast Du jetzt auch noch große brauen Kaffeeflecken auf Mantel und Tasche. Die Temperatur im Zug beträgt gefühlte 35 Grad. Die Heizung läuft auf vollen Touren. Du merkst, wie sich Deine Frisur und Dein Makeup langsam verabschieden.

Nach fünfzehn Minuten Fahrt bleibt der Zug plötzlich unangekündigt mitten auf der Strecke stehen. Du siehst auf die Uhr. Hoffentlich kommst Du nicht zu spät. Nach zehn Minuten öffnen sich plötzlich die Türen. Eiskalte Winterluft strömt in den Zug. Draußen schneit es wieder. Wenigstens macht jetzt die defekte Heizung keine Probleme mehr. Nach zwanzig Minuten kommt endlich eine Durchsage: „Wegen technischer Probleme verzögert sich die Weiterfahrt um ca. fünf bis zehn Minuten“. Die Türen stehen immer noch offen. Kein Schaffner weit und breit. Der würde bei dem Getümmel im Zug sicher auch nicht durchkommen. Nach weiteren 20 Minuten und wilden Mutmaßungen der anderen Fahrgäste über den Zwischenfall, Gespräche über Leichenteile in Vorgärten und drogensüchtige Jungendliche, die mit Absicht Züge zum Entgleisen bringen, geht die Fahrt endlich weiter. Erst als der Zug wieder seine volle Geschwindigkeit erreicht hat, schließen sich die Türen. Ein Mann verliert seine Mütze. Glücklicherweise kommt es nicht zu Kollateralschäden.

Als der Zug mit eineinhalb Stunden Verspätung endlich am Zielbahnhof ankommt, ist Dein Vorstellungsgespräch vorbei. In einem Schnellrestaurant gehst Du aufs Klo und richtest notdürftig Deine Frisur und Dein Makeup. Die Kaffeeflecken lassen sich leider nicht entfernen. Du beschließt, Dich zu der Agentur zu begeben, bei der Du Dich beworben hast. Am besten ganz ehrlich erklären, was Dir gerade passiert ist. Eine Chance werden sie Dir sicher nicht geben, aber immer noch besser als gar nicht zu erscheinen. Du schilderst der Empfangssekretärin kurz Deine Lage. „Kein Problem“, meint sie, „Der Chef ist gerade ins Büro gekommen, sie können gleich mit ihm reden.“ Nach einem kurzen Telefonat bittet sie Dich, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Als sich gegenüber eine Tür öffnet, traust Du Deinen Augen nicht. Der Mann aus dem Zug! Du stehst auf, nimmst den Kaffeebecher der Sekretärin vom Tresen, schüttest langsam den Kaffee über sein Hemd, zwinkerst der Sekretärin zu, wünschst ihr einen schönen Tag, schneidest Deinem nicht mehr potentiellen Chef im Gehen eine furchteinflößende Grimasse und rennst aus dem Gebäude.