Seelisch war er schon lange Zeit darauf vorbereitet. Es hatte alles damit angefangen, dass die kleine Agentur, in der er von Anfang an dabei war, von einem dieser Konzernriesen aufgekauft wurde.

Seitdem hatte man ihm systematisch den Spaß an der Arbeit genommen. Zuvor hatte er immer alles selbstständig erarbeitet, durfte kreativ sein, eigene Ideen einbringen und er wurde sogar für seine Arbeit gelobt, was inzwischen undenkbar war. Man hatte ihm einen neuen Chef vorgesetzt (30, Diplom-Betriebswirt, 3 Jahre Berufserfahrung), der sehr von sich selbst und seiner Herangehensweise überzeugt war, und wie einige vermuteten, nur dazu da war, die Mitarbeiter zu überwachen. Insbesondere ihn. Inzwischen konnte er sich nicht mal mehr einen Kaffee holen, ohne den Chef zu fragen. Zum Glück war es sein letzter Tage heute, länger hätte er es auf keinen Fall ausgehalten. Dann wäre er wahrscheinlich sogar gegangen, ohne vorher einen neuen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Er blickte zurück.

Der Tag seiner Kündigung war genau vier Wochen her. Irgendwie erschien ihm das jetzt, als er darüber nachdachte, alles etwas surreal. Der Chef hatte Ihn an diesem Tag, wie so oft, überraschend in sein kleines Glaskabuff bestellt, weil er mit ihm reden wollte. Praktisch für Jules, so musste er nicht tagelang warten, um einen Termin bei ihm zu ergattern. Wahrscheinlich wollte ihm der Chef wieder den gewohnten Einlauf verpassen, ihm sagen, dass es so nicht weitergehen würde, ihm eine seiner beliebten To-Do-Listen vorlegen, die er in den nächsten zwei Tagen abarbeiten sollte, irgendeinen fadenscheinigen Grund würde er sicher wieder für ihn auf Lager haben.

Als er pünktlich im Büro des Chefs eintraf, war dieser wie immer noch nicht da. Er zog sich einen der hässlichen lindgrünen Kunstledersessel heran, ließ sich darauf nieder und schlug die Kladde mit seiner Kündigung auf. Er lies sich seinen sorgfältig formulierten Text noch einmal auf der Zunge zergehen. „Hiermit kündige ich, Jules B. meinen Arbeitsvertrag bei der Agentur V. zum 15.11., mein Resturlaub beträgt 10 Tage, somit ist mein letzter Arbeitstag der 5.12. Hochachtungsvoll Jules B.“ Dieses „Hochachtungsvoll“ musste sein. Er hatte sich zwei Jahre lang den Moment, in dem er seine Kündigung überreichen würde, vorgestellt, und sogar immer wieder davon geträumt.

Nach fünfzehn Minuten betrat der Chef sein Büro, einen Ordner unter dem linken Arm und eine Tasse mit schwarzem, laugigem Kaffee in der rechten Hand. Nachdem er seinen Ordner auf den Tisch geknallt, und die Tasse daneben gestellt hatte, schnäuzte er sich geräuschvoll in sein Stofftaschentuch und setzte sich Jules gegenüber an den Schreibtisch. „Nun Herr B., ich will es kurz machen. Ich muss ihnen leider sagen, dass wir sehr enttäuscht von ihnen und ihren Leistungen sind. Wir fühlen uns gezwungen, ihr Gehalt ein zweites Mal zu kürzen. Wir dachten eigentlich, die erste Senkung hätte sie dazu gebracht, sich endlich mal auf den Hosenboden zu setzen und was für uns zu tun. Ich meine, spätestens nach ihrer Degradierung müsste ihnen doch bewusst sein, dass wir nicht spaßen!“

„Druck aufbauen“, nannte sich das. Das hatte der Chef in einem Seminar für junge Führungskräfte gelernt. Ein Kollege hatte es in einem Skript gelesen, das offen auf dem Tisch des lag, als er mal wieder darauf wartete, sich seinen Anpfiff abzuholen. „Setzen Sie Ihre Mitarbeiter geschickt unter Druck, um Ihre Ziele zu erreichen. Zeigen Sie ihnen, wer das Alphatier ist. Lassen Sie keine Vorschläge oder Kritik zu. Den Ton geben Sie an!“

„Hören Sie mir überhaupt zu?“ bellte das Alphatier. „Ich habe das Gefühl, sie sind überhaupt nicht anwesend! Als hätten Sie innerlich schon mit alledem abgeschlossen! Ich gebe ihnen den Rat, meine Anweisungen zu befolgen, die freie Marktwirtschaft da draußen ist ein Dschungel, in dem sie nicht überleben werden! Sie sollten froh sein, dass wir so lässig mit unseren Mitarbeitern umgehen. Als wir damals hier aussortiert haben, gab es zwei Möglichkeiten: Die Kündigung, oder die Degradierung. Sie haben großes Glück dass wir ihnen lediglich die Verantwortung genommen haben!“

Jules klappte seine Kladde wieder auf, und entnahm ihr zwei DIN-A4-Blätter. Die Kündigung und die Kopie. Dabei lächelte er dem Chef ganz freundlich über die Schulter. Normalerweise war es ihm immer sehr wichtig, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen, doch bei seinem Chef hatte er das bis heute nicht geschafft. Seine wässrig blauen, rot unterlaufenen Augen, seine Art, sich ständig durch das, trotz seines jungen Alters extrem spärlich Haar zu fahren, sein unruhiges, fahriges Gehabe. Das war zu viel für Jules. Mit seiner Körpersprache legte der Chef seinen wahren Gefühlszustand, seine innere Unruhe, seine extreme Unsicherheit jedem Menschen mit einem Bisschen Erfahrung ständig offen dar. Man konnte in ihm lesen, wie in einem offenen Buch.

Leider war von der „alten Truppe“ fast keiner mehr da. Entweder war ihnen gekündigt worden, oder sie hatten auf Grund des „geschickt eingesetzten Drucks“ einer nach dem anderen aus freien Stücken das Weite gesucht. Jules kam sich inzwischen ein wenig vor wie das letzte Einhorn. Der letzte seiner Art. Kämpfer für das Gute. Das würde bald ein Ende haben. Schon in ein paar Wochen würde er im Flieger nach London sitzen, um dort sein neues Leben zu beginnen. Ganz alleine da draußen im Dschungel der Marktwirtschaft. Er freute sich sehr darauf. Er würde wieder Verantwortung haben. Man würde ihm etwas zutrauen. Im Moment konnte er sich das garnicht vorstellen.

Nun saß er dem Choleriker gegenüber, die aufgeklappte Mappe mit seiner Kündigung in der Hand. Der Chef hatte inzwischen seinen Monolog beendet und fuhr sich mal wieder nervös mit den Fingen über seine Halbglatze. „Nun, in einer Sache muss ich ihnen recht geben. Ich habe abgeschlossen. Mein letzter Arbeitstag wird der fünfte Dezember sein. Ich habe bereits einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben. Hier ist meine Kündigung.“ Jules legte ihm die Papiere vor. Völlig unbeeindruckt, als sei das soeben an ihm vorbeigezogen, hob der Choleriker an, mit seinem Vortrag fortzufahren. „Sie müssen ihren Kunden die volle Aufmerksamkeit geben. Ich bin der Meinung, sie sind viel zu unhöflich, so kann es mit dem Job hier nichts werden. Und denken sie daran, dass jeden Abend pünktlich ein genauer Bericht mit ihrem Tagesablauf auf meinem Schreibtisch zu liegen hat! Des Weiteren habe ich mir die Mühe gemacht, einen Ordner mit Arbeitsanweisungen für sie zusammenzustellen, die sie bitte über´s Wochenende auswendig lernen und sich ab Montag danach richten!“ Jules konnte sich ein Grinsen in diesem Moment nicht verkneifen. „Ich denke nicht, dass das jetzt noch einen Sinn macht, nachdem ich doch gerade gekündigt habe.“, merkte er an. „Ich habe ihnen eine Tabelle mit potentiellen Kunden per E-Mail zugeschickt. Die müssen umgehend akquiriert werden. Und denken sie daran, freundlich zu sein! Richten sie sich nach meinen Vorgaben!“

So langsam kam Jules das vor wie das Telefonat, das er vor ein paar Tagen mit einem gute trainierten Callcenter-Mitarbeiter geführt hatte, der ohne Aufforderung bei ihm angerufen hatte, um ihm einen Mobilfunk-Vertrag zu verkaufen. Nachdem er ungefähr fünf Minuten lang erzählt hatte, hatte Jules die Zwischenfrage gestellt, wie es denn wäre, wenn er den Vertrag unterschreiben, den dazu angebotenen Telefon-Kamera-Djukebox-Internet-Hosentaschencomputer aber weglassen würde, woraufhin der Anrufer erneut seinen Leitfaden vorgelesen hatte. Komplett. Sogar mit Begrüßung. Jules wollte den fleißigen Kundenberater nicht unterbrechen und verabschiedete sich nach weiteren fünf Minuten höflich von ihm, indem er im weiterhin viel Erfolg wünschte.

„Wenn sie sich das nächste Mal einen Kaffee holen, ohne sich vorher bei mir abzumelden, wird das Konsequenzen für sie haben!“, bellte der Chef. Jules zeigte mit seinem Kugelschreiber auf die Betreffzeile seines Schreibens. „Kündigung“ stand da in Fettdruck. „Ich denke, dass wir uns weitere Diskussionen sparen können, im Angesicht meiner Kündigung!“ „Ich muss ihnen leider mitteilen, dass das nicht alleine meine Entscheidung ist, ob sie kündigen!“, jammerte der Choleriker. „Da müssen wir erst mit der Geschäftsleitung sprechen.“ „Entschuldigen sie, die Kündigung ist von mir unterschrieben, fristgerecht eingereicht und somit rechtsgültig.“ „Sie können nicht auch noch anfangen, über den Kopf der Geschäftsleitung hinweg Entscheidungen treffen zu wollen! Eine derartige Dreistigkeit habe ich in meinen fünf Jahren Berufserfahrung noch nicht erlebt!“, kam es prompt von seinem Chef. „Das wird in jedem Fall Konsequenzen für sie nach sich ziehen!“ Mit einem Zug, stürzte er den inzwischen kalten Kaffee hinunter und knallte die Tasse auf die Tischplatte. Sein sonst blasses, pickeliges Gesicht war inzwischen Puterrot geworden. Jules hatte entschieden, dass das hier alles keinen Sinn machte. Er schnappte sich seine Kladde, stand auf, murmelte etwas wie „Besprechen sie das gerne mit der Geschäftsleitung, ich lasse ihnen meine Kündigung da.“ und verließ den Glaskasten in Richtung Teeküche.

Nachdem er ungefähr zehn Schritte gemacht hatte, gab es hinter ihm plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall. Der Glaskasten war mit gelben Rauchschwaden gefüllt, die Tür stand plötzlich wieder offen. Zusammen mit einer Kollegin ging Jules auf das Chefbüro zu. Sie hörten, wie das Fenster, das vorhin noch geschlossen gewesen war (der Chef beschwerte sich immer schrecklich über „diese Frischluftfanatiker“) gegen den Rahmen schlug, draußen war es schon den ganzen Tag leicht stürmisch gewesen. Seine Kollegin schaltete das Licht an, um durch den, sich nun langsam verziehenden gelben Nebel besser sehen zu können. Es roch sehr seltsam. Eine Mischung aus schlechtem Kaffee, Zigaretten und Schwefel mit einem Hauch von billigem Weichspüler. Der Chef war nicht mehr da. Jules hastete zum Fenster. Er rechnete mit dem Schlimmsten. Seine Kündigung hatte ihn doch nicht so aufgeregt, dass er…

Unter dem Fenster war nur eine Reihe Mülltonnen zu sehen und eine Tanne, die sich im Sturm bog. Alles wie immer. Als sich Jules umdrehte, erstarrte er vor Schreck. Auf dem Chefsessel, direkt neben dem umgekippten Kaffeebecher, auf dem in großen Lettern „Boss“ stand, lag ein großer Haufen rauchende Asche.

Der Chef wurde nie wieder gesehen. Nur seine Mutter rief eine Zeit lang noch ab und zu an, um sich nach dem Verbleib ihres Sohnes zu erkundigen. Die Geschäftsleitung hatte schnell einen adäquaten Nachfolger gefunden. Männlich, 29, 4 Jahre Berufserfahrung.

Jede Ähnlichkeit der in dieser Geschichte vorkommenden Figuren und Handlungen mit real existierenden Personen oder Vorkommnissen ist rein zufällig und in keiner Weise beabsichtigt. Die Geschichte ist frei erfunden.